Welt-Zoo-Naturschutzstrategie

Nur Qualität wird überleben

 

Dr. Alex Rübel

President, World Association of Zoos and Aquariums (WAZA); Director, Zoo Zürich

 

10 Jahre Welt-Zoo-Naturschutzstrategie

10 Jahre ist es her, seit die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie publiziert wurde. Es stellt sich heute die Frage, was sie in Bezug auf die Zoologischen Gärten unserer Welt verändert hat.

Der Ausgangspunkt für die Idee Zoo ist immer noch die Faszination Tier. Exotische Tiere und Jungtiere faszinieren, sensibilisieren für die Mitbewohner unserer Erde. Zoos sind deshalb immer Bindeglied gewesen zwischen Mensch und Kreatur. Während in den letzten Jahrhunderten das Kennenlernen der Tiere und Ihrer Umwelt die Zoos prägte, ist es heute die Sorge, die Tiere, die Natur und damit die Lebensgrundlage des Menschen ganz zu verlieren. Wir Menschen sind untrennbar mit dieser Natur verbunden und deshalb gilt es für die Zoologischen Gärten, die wegen der hohen Besucherzahlen in einer einzigartigen Position sind, diese Aufgabe zu übernehmen, das Natürliche zu erhalten. Dabei gilt, was Häuptling Seattle gesagt haben soll:

Was ist der Mensch ohne Tiere? Wären alle Tiere fort, so stürbe der Mensch an grosser Einsamkeit des Geistes. Was immer den Tieren geschieht - geschieht bald auch den Menschen. Alles Lebendige ist miteinander verbunden.

Häuptling Seattle an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, 1855

Zoo – Botschafter zwischen Mensch und Natur

Der Zoo hat also eine Aufgabe, die die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie umfassend formuliert hat. Der Zoo sucht die dort stipulierten Ziele zu erfüllen als Botschafter zwischen dem kultivierten – oder wir könnten auch sagen: entnaturalisierten – Menschen zu wirken. Wir, die wir beauftragt sind, diese Botschafterrolle zu erfüllen, sehen uns mit verschiedenen ethischen und praktischen Problemen konfrontiert.

Die erste ergibt sich aus dem Menschsein an sich. Der Mensch ist Teil der Natur und wird diese prioritär immer nur aus seiner Sicht sehen. Als Zoo müssen wir auf diese anthropozentrische Sichtweise Rücksicht nehmen, aber als Vertreter der Kreatur versuchen, eine naturzentrierte Sichtweise aufzuzeigen und einzunehmen.

Im Gegensatz zur anthropozentrischen Sichtweise, die Primaten höher wertet als Fische, von ‚höheren‘ und ‚niedereren‘ Tieren spricht, hemmungslos Pflanzen verzehrt, aber nur zögernd Tiere, stehen bei der naturzentrierten Sichtweise die Artenvielfalt, das natürliche Gleichgewicht und das Kollektiv im Vordergrund. Altruistischer Individualschutz hat in dieser Sichtweise keinen Platz, zur Erhaltung der Art werden Individuen ohne weiteres geopfert.

Der hohe Stellenwert des Individualschutzes in der menschlichen Kultur erschweren die Botschafterfunktion der Zoos. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Afrikanischen Elefanten, wo eine anthropozentrische Sichtweise jede naturschützerische Konsequenz im Bezug auf den Umgang mit diesen -zugegebenermassen- Flaggschifftieren überfährt. Auch renommierte Organisationen (ausser dem WWF) haben dort in verschiedenen Aeusserungen, überwältigt von der humanen Emotionalität, den ‚Pfad der Tugend‘ als Naturschutzorganisation verlassen, nämlich die Nachhaltigkeit in der Erhaltung der Natur in den Vordergrund zu stellen gegenüber der Erhaltung von einzelnen Lebewesen.

Natürlich ist es als Mensch, der nun mal Mensch ist, möglich, verschiedene Positionen zwischen diesen beiden Polen einzunehmen. Deshalb sind wir als Zoo, der Naturschutzzentrum sein will, gefordert, eine klare und unmissverständliche ethische Grundposition einzunehmen. Die schweizerische Ethikkommission hat die möglichen moralischen Grundpositionen im Verhältnis zum Tier folgendermassen definiert:

a) Ein moralischer Wert wird nur dem Menschen zugesprochen. Der moralische Status des Tieres ist danach abhängig von der Wertschätzung, die der Mensch aus eigenem Interesse dem Tier entgegenbringt.

b) Die moralische Berücksichtigung des Wohlbefindens bezieht sich auf alle empfindungsfähigen Tiere. Empfindungsfähigen Tieren wird damit ebenfalls ein moralischer Wert zugesprochen.

c) Allen Lebewesen wird ein moralischer Status zuerkannt.

d) Der moralische Respekt und ein entsprechender Schutz erstreckt sich nicht nur auf alle Lebewesen, sondern auch auf Arten, Biotope, ja die gesamte belebte Natur im Sinne von Albert Schweitzers Argument der „Ehrfurcht vor dem Leben“.

e) Nicht nur der belebten Natur, sondern allem, was ist, wird ein moralischer Wert zuerkannt.

Moderne Zoologische Gärten wirken als Naturschutzzentren im Rahmen der Welt-Zoo-Naturschutzstrategie. Erhaltung der Biodiversität und Nachhaltigkeit stehen im Vordergrund. Unsere Position kann nur diejenige sein, die auch Albert Schweitzer vertreten hat.

Der Zoo – eine Kulturinstitution

Unabhängig von der moralischen Position gegenüber Tier und Natur ist der Zoo immer von Menschen gemacht – für Menschen. Auch die Naturschutzidee der Zoos ist nicht altruistisch. Wir meinen, dass sie der Art Homo sapiens das langfristige Ueberleben sichert. Der Zoologische Garten ist deshalb Kulturistitution, eine notwendige Institution der modernen, sich der Natur entfremdenden Gesellschaft.

Es ist deshalb auch selbstverständlich, dass die Zoologischen Gärten über die Jahrhunderte hinweg immer auch Spiegelbild des Umgangs der Menschen mit Tieren und Natur war. War es im Mittelalter das Biest, das wilde und exotische Tier, das als exotisches, manchmal auch bedrohliches Objekt bestaunt wurde, ist es im Zeitalter der Aufklärung das wissenschaftliche, systematische Interesse und der Vergleich mit dem Menschen, der Ziele und Methoden der Zoologischen Gärten bestimmt.

Ziele, Methoden und Mittel der Zoos

Seit dem Industriezeitalter wird die Geschwindigkeit der Veränderungen in unserer Gesellschaft immer höher und damit auch in der Ausrichtung der Ziele und Methoden der Zoologischen Gärten. Im 20. Jahrhundert haben sich die Ziele und Möglichkeiten der Zoos grundlegend verändert. Die systematische Kenntnis der Tiere beispielsweise ist heute weitgehend vorhanden, die Zucht der gehaltenen Tiere eine Selbstverständlichkeit. Die Geschwindigkeit der Veränderungen bringt aber nicht nur neue Möglichkeiten, sie führt auch dazu, dass Betriebe, die nicht mit den Veränderungen mithalten können, sehr schnell verschwinden werden. Die Zoos sind diesbezüglich gegenüber einem industriellen Betrieb benachteiligt, weil sie sehr hohe Fixkosten haben und Halbwertszeiten der Investitionen von über 30 Jahren.

Eine klare Zielformulierung, die kontinuierliche Optimierung der Methoden und ein sorgsamer Umgang mit den Mitteln wird entscheidend für den Erfolg oder den Misserfolg eines Zoos.

In Bezug auf die Ziele hat die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie die Leitplanken gesetzt. Wir haben alle 10 Jahre Zeit gehabt, uns anzupassen. Die Uebergangsfrist ist meiner Meinung nach heute vorbei. Es ist deshalb auch für die übergreifenden Zooorganisationen wie VDZ, EAZA oder WAZA Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen, damit die Idee Zoo sich nicht selbst kanibalisiert. Was heisst das für den einzelnen Zoo:

Ich stelle immer wieder fest, dass Visionen in Zoologischen Gärten nur selten verwirklicht werden, weil nicht klar unterschieden wird zwischen Zielen, und Methoden und Mitteln in Bezug auf die Zielerreichung.

Bei der Zielformulierung gilt es, diese in die Vision und Mission des einzelnen Zoos zu integrieren. Ziel des Zoos sind der Arten- und Lebensraumschutz im Rahmen eines Naturschutz- und Umweltschutzzentrums.

Die Methoden der Zoologischen Gärten, mit denen sie die Ziele erreichen wollen, sind gut definiert in den 4 Hauptaufgaben, die sie von unseren Vorgängern, insbesondere Heini Hediger, gut kennen:

Erhohlungsraum bieten (Menschen einbeziehen)

Informationen vermitteln

Forschung betreiben

Arten- und Lebensraumschutz

Diese Methoden müssen die eigentlichen Kernkompetenzen der Zoologischen Gärten darstellen.

Die Mittel, die wir brauchen und einsetzen, um diese Methoden für die Zielerreichung einzusetzen sind die Tiere in Ihren Gehegen, Manpower, Knowhow und Geschichten und last but not least, die Finanzen.

Mittel und Methoden haben sich der Zielsetzung unterzuordnen. So hat sich insbesondere die Präsentation der Tiere im Zoo verändert. Zeigten Zoos im Mittelalter Individuen, später Tiergruppen, sind es heute Lebensgemeinschaften oder Oekosystemausschnitte.

Der Qualitätszoo

Es ist selbstverständlich, dass eine effiziente Zielerreichung nur bei optimierten Methoden und gezieltem Mitteleinsatz möglich ist. Eine moderne Tierhaltung, - auch sie ist ‚nur‘ Mittel und Teil der Methode zur Zielerreichung – ist dabei der entscheidende Punkt. Wieso? Sie bildet den Schnittpunkt in Bezug auf unsere Ethik, unsere moralischen Grundpositionen und damit die Diskussionen rund um die Institution Zoo.

Unter einer modernen Tierhaltung verstehen wir heute:

Eine Balance zwischen Tieren, Pflanzen und Umgebung, die sich am besten in Oekosystemdarstellungen realisieren lässt. Eine langfristige biologische Haltung in möglichst natürlichen Gruppen und das Ermöglichen von natürlichen Verhaltensweisen für die gehaltenen Tiere.

Wir müssen uns deshalb fragen, was die Qualitätsmerkmale eines modernen Zoos sind. Aus meiner Sicht sind es die Folgenden:

1.  Die Art der Präsentation der Tiere
(natürliche Verhaltensabläufe sind dem Tier möglich)

2.  Das erzieherische Angebot

3.  Zuchterfolge

4.  Arterhaltungsprogramme

5.  Forschungs- und Naturschutzprogramme

6.  Oekonomische Effizienz

Jede tiergärtnerische Einrichtung, unabhängig von ihrer Grösse, muss diese Merkmale erfüllen. Wir stellen fest, dass diese relativ wenig mit dem Ziel zu tun haben, aber beim Aufbau der Methoden zur Zielerreichung eine grosse Rolle spielen. Es ist deshalb entscheidend, die Mittel so gezielt einzusetzen, dass diese Merkmale maximal erreichbar sind.

Wichtigestes Kriterium ist ethisch korrektes Handeln. Wie wir gesehen haben, ist auch Ethik diskutierbar, deshalb ist es auch so entscheidend, sich auf die ethische Grundhaltung zu fixieren und diese Grundhaltung gegen alle Widerstände immer wieder zu kommunizieren: ehrlich, konsequent und glaubwürdig. In diesem Zusammenhang muss auch immer wieder klargestellt werden, dass eine gute Tierhaltung Methode ist, nicht Ziel des Zoos. Ist die Tierhaltung schlecht, ist sie als Methode ungeeignet, wenn nicht gar kontraproduktiv und muss aus dem Betrieb eliminiert werden.

Finanzen sind der limitierende Faktor, wenn es um Qualität geht. Ist eine Methode nicht in einer Art und Weise zu finanzieren, dass sie hilft, die Ziele zu erreichen, scheidet sie aus, das gilt auch für ungenügende Tiergehege oder manchmal ganze Zoos.

Adapt or perish

Ist die Qualität gut und die Botschaft klar, ist es viel einfacher, Geld in der Oeffentlichkeit, beim Staat und bei Privaten zu bekommen. Die Naturschutzbotschaft mit dem Tier im Mittelpunkt ist sympathisch und dem Publikum viel wert.

Der Tierbestand und die Anzahl der Tieranlagen haben sich den Finanzen anzupassen, nicht umgekehrt. Mehr Tiere, als wir gut halten können, mehr Tiere im Zoo, als wir zum Aufbau einer Mensch-Tier-Beziehung, zur Kommunikation einer Naturschutz-Botschaft, für Forschung und Arterhaltung brauchen, hindern uns am erreichen unserer Ziele.

Das heisst für die Zoos, dass sie der Kommunikation absolute Priorität einräumen. Moderne Zoos sind PR-Agenturen für Tiere und Natur. Das braucht neue Leute in diesem Bereich, vielleicht auch auf Kosten des Tierbestandes und der Tierpfleger. Die Kommunikation ist die Grundlage zur Beschaffung von Finanzen. Der Tierbestand muss sich diesen Finanzen anpassen. Mehr denn je ruft die schnelle Veränderung auch nach Kooperationen und zur Konzentration der Kräfte. Wer meint, den budgetmässig kleinen Beitrag für EAZA oder die EEP’s zu sparen, hat seine Mittel in Bezug auf die Zielerreichung mit Sicherheit nicht optimal geplant. Die Verbände andererseits sind aufgerufen, Ihre Mitgliedschaft zu straffen und die Spreu vom Weizen zu trennen. Nur so kommt gute Qualität auch zum Tragen und leidet nicht an geschäftsschädigenden Medienkampagnen.

Es gilt deshalb zusammenfassend für alle modernen Zoos:

1.  Eine klare Naturschutzvision ist für jeden Zoo zwingend

2.  Der Tierbestand richtet sich nach den (finanziellen) Möglichkeiten - nicht umgekehrt

3.  Naturschutz ohne Kooperation ist wertlos (EEP‘s, gemeinsame Naturschutzkampagnen in der EAZA, Zusammenarbeit mit lokalen Naturschutzbehörden, ...)

Wenn wir alle qualitativ gut sind, werden wir auch unser Ziel erreichen, das Baba Dioum so treffend formuliert hat:

Zuallerletzt
werden wir nur schützen, was wir lieben,
wir werden nur lieben, was wir kennen
und wir werden nur kennen, was man uns beigebracht hat.

Erlauben Sie mir hier, dem meine persönliche Zielsetzung anzuhängen:

„Versuche die Welt etwas besser zu verlassen, als Du sie angetroffen hast“ hat der Gründer der Pfadfinder dieser Bewegung als Vermächtnis mitgegeben. Wenn wir die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie entsprechend umsetzen, werden wir auch unsere Ziele erreichen.