Der Forschungsrahmenplan - ein integraler Bestandteil eines Masterplanes

PD Dr. Udo Gansloßer, Zool. Inst. I, Staudtstr. 5, 91058 Erlangen, Tel/Fax: 0911-9795800

Die Teilnahme an Forschungsprojekten zur Förderung der Biodiversitätserhaltung wird von der EU-Zoo Richtlinie verbindlich gefordert und als eines der maßgeblichen Merkmale für einen genehmigungsfähigen Zoo genannt. Bereits vor dieser, ab April 2002 verbindlich anzuwendenden Direktive hat das Forschungskommittee der European Zoo Assoziation EAZA in einem Positionspapier gute Gründe für eine Intensivierung der Forschungsarbeit in Zoos genannt. Zu diesen Gründen gehören u.a.

- die bessere und stichhaltigere Argumentation gegen Angriffe von Zoogegnern, denn Zoos zeigen dadurch dass sie mehr als andere Institutionen am Wohlergehen und Schutz ihrer Tiere interessiert sind

- die gute Öffentlichkeitsarbeitswirkung von (gut erklärten und präsentierten) Forschungsprojekten, denn die Besucher finden entsprechend gut dargestellte Forschungsarbeit spannend und interessant, vor allem wenn auch Freilandarbeit in fernen Ländern dabei ist. Das zeigen die vielen einschlägigen TV- und Zeitschriftenberichte. Forschungsprojekte die Zoo- und Wildtiere miteinander verknüpfen sind als "Fenster zur Wildnis" hier besonders gut darzustellen.

- die Gewinnung von Erkenntnissen die auch der Verbesserung von Haltung und Präsentation der Tiere im Zoo dienen, und die Möglichkeit, in Kooperation mit hervorragend qualifizierten Forschungsgruppen zu treten. Diese haben in der Regel eine fachliche Kompetenz auf Spezialgebieten, sowie nötige apparative Ausstattung, die den Zoos bei begrenztem Budget und Personalbestand zwangsläufig fehlt. Die Zoos aber haben die Tiere, die ein Forschungsinstitut meist nicht halten kann, und das fachwissende Personal, das diese optimal betreut.

Voraussetzung für erfolgreiche Umsetzung dieser Vorgaben aber ist die Durchführung entsprechend qualitativ hochwertiger Forschung. Um von vornherein falsche Eindrücke zu vermeiden, muss bemerkt werden dass wissenschaftliche Forschung an Tieren nicht notwendigerweise invasiv, d.h. mit Eingriffen, oder gar Schmerzen und Leiden beim Tier verbunden sein muss. Wissenschaftlich exakt arbeiten heißt nur, klare, testbare Fragestellungen und Hypothesen zu formulieren, und die Randbedingungen so zu kontrollieren dass die aufgenommenen Daten genau auf die gestellte Frage eine Antwort geben.

Alle diese Entwicklungen sind jedoch auf zeitgemäße Weise nur durch ein klares Forschungskonzept, mit entsprechender zielstrebiger Umsetzung möglich. Insbesondere wenn eine Institution noch junge Forscher/innen ausbildet, z.B. deren Diplom- oder Doktorarbeiten ermöglicht, fördert oder sogar die Themen vorschlägt, kommt diesen gegenüber die Verantwortung hinzu, eine zeitgemäße und damit zukunftsträchtige Tätigkeit zu garantieren. Große Zoos vor allem im englischen Sprachraum haben für diese Aufgaben eigene Forschungskurator/inn/en die auf wissenschaftliche Fachtagungen reisen, Kontakte zu Kolleg/inn/en halten, neueste Fachliteratur en masse lesen und Lehrveranstaltungen an Universitäten und Fachhochschulen abhalten. In Deutschland haben nur zwei Zoos bisher eine solche Stelle. Kleinere Institutionen können aber auch die Vorteile eines solchen Systems nutzen wenn sie sich eine Beratungstätigkeit eines forschenden Menschen sichern.

Die Forderung nach Integration von Forschungsaktivitäten in die Tätigkeiten eines Zoos ist eigentlich nicht neu. Sie hat jedoch durch die Vorgaben der EU-Richtlinie und "inoffiziell", d.h. Zoo-intern, durch die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie eine neue Dimension erhalten. Durch diese genannten Forderungen ist nunmehr Forschung im Rahmen der Biodiversitätserhaltung, und nicht nur im engen Rahmen von tierschutzrelevanten Haltungsverbesserungen gefragt. Das bedeutet zugleich eine enge(re) Verbindung zwischen den Forschungs- und Naturschutzaufgaben des Zoos. Dies kann durch Modellstudien an den Zootieren, durch Beteiligung an integrierten Zoo- und Freilanduntersuchungen, durch Integration von Forschungsaufgaben und eigenständigen Forschungsprojekten in eine, vom Zoo adoptierte oder unterstützte in-situ Schutzmaßnahme oder durch Beteiligung von Zoobediensteten an Forschungsvorhaben erfolgen.

In jedem Fall aber sind einige entscheidende Grundvoraussetzungen zu erfüllen:

l.) Forschung ist heute kompetitiver und mehr von finanziellen Einschränkungen betroffen als früher. Daher ist nur solche Forschungsarbeit wünschenswert, die sowohl konzeptionell wie methodisch und vom Stichprobenumfang her hohen, möglichst internationalen Maßstäben genügt. Dazu ist außer in wenigen sehr großen Zoos mit eigenen Forschungskuratorinn/en, eine Zusammenarbeit mit externen Wissenschaftler/innen nicht nur bei der Durchführung, sondern schon bei der Konzepterstellung nötig.

2.) Die modernen Methoden der Statistik, Hormonphysiologie, Genetik u.a. ermöglichen heute auch nicht-invasive, d.h. mit Tierschutz - wie Präsentationszielen eines Zoos verträgliche Forschungsarbeiten. Methodisch sauber und exakt zu arbeiten heißt nicht primär experimentell, sondern so zu arbeiten, dass möglichst viele Variablen außer der einen, die man untersuchen will, konstant gehalten werden. Dazu bedarf es einer vorherigen genauen Absprache zwischen Forschenden, Zooleitung und Tierpflegeteam, die dann auch von allen Beteiligten eingehalten werden muss.

3.) Die notwendige, Stichprobengröße für eine hochwertige Studie kann oft nur durch Kooperation zwischen mehreren Zoos erreicht werden. Auch das erfordert eine Vorausplanung, möglichst unter Beteiligung externer Projektkoordinator/innen aus dem Wissenschaftsbetrieb.

Alle diese Anforderungen zeigen dass nur durch einen vorausschauenden, in mehreren Stufen aufgebauten Forschungsrahmenplan, mit Identifikation von Teilprojekten und deren zeitlicher Abfolge eine sinnvolle Forschungstätigkeit möglich ist. In diesem Plan sollten auch Veröffentlichungen, ggf. Organisation von Symposien/Statuskolloquien, sowie ggf. Möglichkeiten der Nutzung externer Forschungsmittel integriert werden.

Dieser Forschungsrahmenplan ist in enger Abstimmung mit dem Collectionsplan zu erstellen, da dieser ja die wünschenswerte Tierhaltung (Arten, Gruppenzusammensetzungen, Individuenzahl, Zucht ja/nein wie oft etc) beschreibt.

Die Formulierung eines Gesamtforschungskonzeptes ist die Absteckung eines Rahmenplanes für die Forschungsaktivitäten der Institutionen über einen längerfristigen (mindestens 5-jährigen)Zeitraum. Sie geht weit über Themenstellung und konkrete Hinweise für Einzelarbeiten hinaus.

Auch und gerade in anwendungsnaher Grundlagenforschung sind Konzepte dringend erforderlich, um über den Einzelfall hinausgehende und extrem valide Ergebnisse zu liefern! Der"Wenig-ist-bekannt-über-Ansatz" (Reyer), d.h. die Erforschung von etwas nur weil es bisher niemand getan hat, ist unzureichend.

Zur Identifikation solcher zeitgemäßer Fragestellungen, deren Einbindung in die wissenschaftlich aktuelle Forschungslandschaft, Benutzung von Methoden auf aktuellem Standart, Kontaktpflege zu den entsprechenden Arbeitsgruppen und Institutionen ("networking")etc sind erfahrungsgemäß jährlich mehrere internationale Fachtagungsbesuche und durchschnittlich intensive Literaturarbeit unabhängig von Einzelprojekten nötig. Neben der kuratorischen Routine und den Zoofachtagungen fehlt erfahrungsgemäß für solche Aktivitäten beim wissenschaftlichen Zoopersonal die Zeit. Die Erfahrung bei der Abfassung von Gesamtprojekten und Forschungskonzepten ist i.d.R. nur durch langjährige eigene Tätigkeit in der Erstellung begutachtungsfähiger Drittmittelanträge (z.B. DFG) zu erwerben.

 

Beispiele: Schwerin und Worbis

Am Beispiel der Forschungskonzepte zweier Parks, des Zoo Schwerin und des Alternativen Bärenparks Worbis sollen abschließend nochmals die Möglichkeiten für Institutionen unterschiedlicher Größe gegenübergestellt werden.

Der Forschungsrahmenplan für den Zoo Schwerin ist im Anschluss an den Rahmenplan des Zoos, auf der Basis der dort festgehaltenen Gehege- und Artenschwerpunkte erstellt worden. Er beinhaltet zwei thematische Schwerpunkte, nämlich die Erforschung der Tiergemeinschaften in Gemeinschaftshaltung, sowie die Tiergarten- und Verhaltensbiologie carnivorer Säuger.

Untersuchungen an Artengemeinschaften sind in den vergangenen Jahren aus zwei Blickrichtungen in das Interesse der Verhaltensforschung gerückt: Aus verhaltensökologischer Sicht interessieren die Vor- und Nachteile einer gemischtartlichen Gruppierung, die oftmals eine Nischendifferenzierung auf sehr feinem Niveau (z.B. Schnabelgröße/- form zwischen Vogelarten, Gebiss und Verdauungsanatomie bei Huftiergemeinschaften) und damit Konkurrenzvermeidung mit Vorteilen z.B. bei Raubfeindvermeidung verbindet. Studien dazu im Freiland sind in den letzten Jahren verstärkt begonnen worden. In den großen Gemeinschaftsanlagen des Zoo Schwerin (Wasservögel, Afrika-Anlage, demnächst Lori-Voliere) können unter kontrollierten z.B. Futterbedingungen hier viele Fragen verfolgt werden. Auch aus dem Blickwinkel der mechanismenorientierten und kognitiven Verhaltensbiologie stehen viele Themen dabei an, z.B. bezüglich Kommunikation zwischen Arten, was wissen die Arten übereinander etc.

Der zweite Schwerpunkt, Raubtiere, ist mit einer Studie (Gemeinschaftshaltung Mangusten/Löwen) auch mit dem Themenbereich Artengemeinschaften verknüpft. Derzeit läuft eine Studie am Rothund, Studien über afrikanische Wildhunde und Tiger werden folgen.

Eine ganz andere Zielsetzung verfolgt das Forschungskonzept des Bärenparks Worbis. Seiner Mission folgend nämlich tiergartengerechte (Braun-)Bärenhaltung zu propagieren und mit wissenschaftlichen Ergebnissen wie praktischen Erfahrungen zu unterstützen, werden hier im Bereich Verhaltensbiologie die Auswirkungen von Persönlichkeitsunterschieden, Vorgeschichte und Aufenthaltsdauer der einzelnen Bären z.B. auf das Auftreten von Stereotypen, die Vollständigkeit des Verhaltensrepertoires und die sozialen Strategien untersucht. Da die männlichen Tiere sterilisiert sind, ist zudem eine gezielte Untersuchung ethologischer Fortpflanzungsstrategien im Vergleich verschiedener Individuen möglich. Im ökologischen Teil des Konzeptes stehen vegetations- und bodenkundliche Untersuchungen über Wechselwirkungen zwischen Bärenhaltung und Gehegebiotop, ebenfalls als Langzeitprojekt, im Vordergrund .

Zusätzlich werden vom Bärenpark Workshops organisiert, die (erstmals im Mai 2002) anwendungsnahe Forschungsergebnisse diskutieren und verbreiten sollen.

Diese Beispiele zeigen, dass die Zielsetzungen eines Forschungskonzeptes sowohl der Größe der Institution, wie der Zielsetzung des Gesamt-Masterplanes angepasst, individuell abgestimmt werden können.