ZOODRAMATURGIE

oder die Kunst es allen recht zu machen

Gerhard Frank

Sehr geehrte Damen und Herren, da Sie mich noch nicht kennen, denke ich, sollte ich mit einem Bekenntnis beginnen, das mich und mein Denken in einfacher Weise charakterisiert. Mein Bekenntnis ist leicht nachvollziehbar und lautet: Leben bedeutet in Beziehung sein. Die Essenz des menschlichen Lebens ist die Beziehung, die Beziehung zu anderen Menschen, die Beziehung zu anderen Wesen, die Beziehung zu Dingen, mit denen wir uns umgeben etc. Es gibt kein Leben ohne Beziehung. Was immer wir oder andere tun, schafft Beziehung. Wir können gar nicht anders, als durch unsere Lebenspraxis Beziehungen herzustellen, die wir in ihrer Gesamtheit schlussendlich als unsere Welt bezeichnen.

Sie werden mir in diesem Gedankengang sicherlich zustimmen. Was bedeutet er nun für unser grundlegendes Thema "Zoo"? Oder anders gefragt, was bedeutet "Zoo" aus der Sicht des Gedankengangs, aus der Sicht meines einleitenden Bekenntnisses?

Es bedeutet eigentlich nichts anderes als eine simple gedankliche Konsequenz. Nämlich die, dass es den Zoo als isoliertes, für sich stehendes Phänomen gar nicht gibt. Vielmehr bezeichnet der Begriff Zoo eine permanent wechselnde, sich drehende Dreiecksbeziehung zwischen a) dem Unternehmen, b) dem Tier und c) dem Besucher. Wenn einer der drei Partner fehlt, ist es kein Zoo mehr, von dem wir sprechen. Das heißt, wann immer wir den Zoo thematisieren, thematisieren wir eigentlich eine Dreiecksbeziehung. Wenn wir zum Beispiel sagen, dem Zoo geht es nicht gut, dann meinen wir die Dreierbeziehung, der es nicht gut geht. Lassen Sie mich das präzisieren. Geht es beispielsweise den Tieren nicht gut, weil sie schlecht gehalten werden, dann bemerken das die Besucher, die vielleicht verstört darauf reagieren und in der Folge ausbleiben. Wenn die Besucher ausbleiben, leidet der wirtschaftliche Erfolg und dem Unternehmen geht es schlecht. Das heißt, wenn es einem Partner nicht gut geht, geht es letztendlich allen Partnern nicht gut. Wie in jeder Beziehung hängt das Wohlergehen des einen vom Wohlergehen des anderen ab. Das erscheint alle so logisch und klar und vielleicht fragen Sie sich, wozu ich Ihnen das überhaupt erzähle.

Lassen Sie es mich sagen. Ich erzähle es Ihnen aus einem guten Grund. Oder besser, aus einem Verdacht heraus, der sich aufdrängt, wenn man selbst häufig Zoos besucht und aufmerksam die Diskussionen um Tiergärten verfolgt. Ein Verdacht, der sich zu bestätigen scheint, wenn man wie ich professionell mit dem Inszenieren von Erlebnissen zu tun hat und gelegentlich Zoos zu seinen Auftragnehmern zählen darf.

"Der Besucher ist nicht so wichtig" - Verdacht

Ich nenne ihn den "Der Besucher ist nicht so wichtig" - Verdacht.

Wir machen uns zurecht - viele Gedanken um das "Warum" von Tiergärten, um ihre gesellschaftliche Legitimation. Wir machen uns zurecht - viele Gedanken um den Zoo als Arche Noah für vom Aussterben bedrohte Tierarten. Wir machen uns zurecht viele Gedanken über artgerechte Tierhaltung und setzen diese Gedanken, so gut es geht, in die Realität um. Wir machen uns auch - zurecht viele Gedanken über die Wirtschaftlichkeit von Zoos.

Aber, machen wir uns auch über den Besucher derartig ausführliche Gedanken? Über die Art und Weise wie wir, resp. der Zoo seine Besucher anspricht, sie bei Laune hält, sie beeindruckt? Ich habe immer mehr den Verdacht, dass der Besucher das am wenigsten verstandene Geschöpf des Zoos ist. Das Geschöpf, das man irgendwie in Kauf nimmt, weil man es in Kauf nehmen muss, ohne sich aber weiter darum zu kümmern.

Gut, es heißt, der Zoo bildet den Menschen, bzw. der Zoo hat eine Bildungsaufgabe und dient der Erholung seiner Besucher. Findet darin der Besucher nicht ohnedies seine Berücksichtigung? Muss man sich überhaupt noch "mehr" um ihn kümmern?

Bleiben wir einmal beim Bildungsauftrag, dessen Erfüllung oder Nichterfüllung ich hier gar nicht thematisieren möchte. Ich möchte vielmehr einen Schritt zurücktreten und fragen: Ist Bildung im Sinne von Wissenserwerb das richtige Ziel? Geht es nicht um mehr als Bildung? Geht es nicht darum, Menschen für den Zoo zu "begeistern"? Emotionen zu schaffen für das Unternehmen und die hier lebenden Geschöpfe? Oder anders gesagt, geht es nicht darum, Beziehungen herzustellen zwischen dem Tier innerhalb des Geheges und dem Tier außerhalb des Geheges.

Emotionen sind ja, genau genommen, das Substrat, auf dem Beziehungen wachsen. Die Begriffe Beziehung und Emotion sind fast austauschbar, sie sind gewissermaßen die zwei Seiten ein und derselben Münze. Die Emotionen verkörpern dabei die subjektive Seite, die subjektive Sicht der Beziehung. Die Beziehung selbst (die Art der Beziehung) wiederum ist das, was ein Dritter wahrnimmt, wenn zwei von ihrem Emotionen bewegte Menschen bildlich gesprochen - miteinander tanzen.

Ist es nicht diese Münze mit ihren beiden Seiten Emotion und Beziehung, die den Zoo als Unternehmen erst zum Laufen bringt?

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin überhaupt nicht gegen Wissensvermittlung. Ganz im Gegenteil, halte ich die Vermittlung von Wissen für eine wesentliche, vielleicht die wichtigste Aufgabe, die Zoos ihren Besuchern gegenüber haben.

Ich problematisiere nur die bewusst oder unbewusst vollzogene Reduktion auf bloße Wissensvermittlung. Ich denke, dass Wissensvermittlung Teil eines übergeordneten Ganzen sein müsste, das ich eben als Schaffen von Beziehung bezeichne. Ein Prozess, der gleichermaßen emotionale und kognitiv intellektuelle Aspekte besitzt.

Beinloses Wissen

Ich möchte Sie dazu einladen, diesen kleinen Unterschied zu sehen: Eine Beziehung zu oder mit einer Person oder auch einem Tier ist viel mehr als das bloße rationale Wissen über diese Person oder das Tier. Die Beziehung wird wesentlich von Emotionen getragen, die mein Interesse und meine Handlungsbereitschaft "für" oder "gegen" bestimmen. Wie zum Beispiel mein mögliches Engagement für Artenschutz davon bestimmt wird, ob ich bestimmte Tiere als positiv oder negativ empfinde oder ob mir das Geschöpf Tier grundsätzlich egal ist.

In mein rationales Wissen über eine Person oder ein Tier gehen indes nur Fakten ein; das Tier läuft so und so schnell und wiegt erwachsen so und so viel. Reine Fakten, die mir vielleicht helfen, den nächsten Biologietest gut zu bestehen. Aber diese Fakten allein bewegen mich nicht. Es sind die Emotionen die mich bewegen. Im Falle des Biologietests vielleicht die Emotionen, die von meiner überaus hübschen Lehrerin ausgelöst werden.

Die Emotionen sind gewissermaßen das Vehikel, auf denen unser Wissen fährt. Wissen ohne Emotionen ist unbeweglich und beinlos, wie ein Kopf ohne dazugehörenden Körper.

"Zoodramaturgie" setzt nun genau an diesem Punkt der Unterscheidung an.

"Zoodramaturgie" ist, vereinfacht ausgedrückt, ein Vorgehen, ein planerisches Werkzeug, dessen Ziel es ist, aus Zoobesuchern Partner zu machen. Partner, die zu den Tieren Beziehungen aufbauen. Gespeist von Emotionen, die sie für die Geschöpfe und das Unternehmen nachhaltig begeistern.

Mit anderen Worten, "Zoodramaturgie" ist ein ganzheitliches Herangehen, das bisherige Ansätze wie Zoopädagogik und Zoodidaktik verbindet und um die emotionale Dimension des menschlichen Erlebens erweitert. "Zoodramaturgie" ist die Synthese von Unterhaltung und Vermittlung, ohne den negativen Beigeschmack bloßer Unterhaltung oder bloßer Wissensvermittlung.

"Zoodramaturgie" zielt auf Unterhaltung mit Tiefgang, auf intelligentes Entertainment, auf Wissensvermittlung als spannendes Erlebnis, als nachhaltiges Entdecken, bei dem Tier und Mensch im Mittelpunkt stehen.

Wie funktioniert "Zoodramaturgie"?

Ich kann Ihnen hier aufgrund der Komplexität der Sache kein Patentrezept geben. Ich möchte Ihnen vielmehr anhand exemplarischer Aspekte einen ersten Eindruck davon geben, was wir unter Zoodramaturgie verstehen und was Zoodramaturgie zu leisten imstande ist.

Beginnen wir am besten dort, wo wir begannen, als wir die Zoodramaturgie erfanden. Zwei Fragen resp. Gedankengänge waren es, die uns damals durch den Kopf gingen.

Erstens: Welche Erwartungen bzw. Bedürfnisse haben Menschen in ihrer bzw. an ihre Freizeit? Was erwarten Menschen von ihrer Freizeit?

Dasselbe, was sie in ihrem Alltag erleben?

Wohl kaum. Ganz im Gegenteil, so haben wir weitergedacht, erwarten sie all das, was ihnen ihr Alltag verwehrt. Was die Menschen in ihrer Freizeit suchen, so folgerten wir damals, ist eine Alternative zum gewohnten Trott. Eine Welt jenseits des Alltags, eine alternative Wirklichkeit auf Zeit, in der sie all das tun und erleben können, was in ihrem übrigen Leben zu kurz kommt: Abenteuer, selbst gemachte Entdeckungen, Sinnesreichtum, unerwartete Erkenntnisse, spannende Begegnungen, erstaunliche Erfahrungen.

Zweitens, wie muss der Besuch im Zoo als Geschehen ablaufen, damit es Menschen als Erlebnis empfinden? Gibt es Gesetzlichkeiten, die wir berücksichtigen müssen? Gibt es Gesetzlichkeiten wie am Theater oder beim Film, deren Kenntnis den Erfolg der Arbeit wahrscheinlicher macht? Mit anderen Worten, gibt es analog zur Theaterdramaturgie eine "Erlebnisdramaturgie", die zwar noch nicht existiert, die aber entwickelt werden kann, die vor allem entwickelt werden muss, wenn wir in unserer Arbeit systematisch vorgehen wollen? Wenn es eine solche Erlebnisdramaturgie gibt, dann wäre die Zoodramaturgie der auf die besonderen Verhältnisse von Tiergärten angewandte Spezialfall.

Mit diesen beiden Fragen hatten wir, wie wir heute wissen, die Grundlinien unseres Unterfangens, sozusagen die x und y-Achse der Erlebnisdramaturgie gezogen.

Alles, was danach kam, war die schrittweise Ausarbeitung dieser beiden Prämissen. Eine Ausarbeitung, die uns zugleich den innigen Zusammenhang der beiden Grundlinien klar vor Augen führte. Analog zur mathematischen Funktion, bei der die Werte auf der x und der y-Achse einander gleichungsabhängig zugeordnet sind, erwiesen sich die erlebnisdramaturgischen Grundlinien als miteinander eng korrelierte Größen.

Ich möchte Ihnen diesen Zusammenhang kurz illustrieren. Und zwar anhand eines einfachen Frage-Antwortspiels, das die beiden erlebnisdramaturgischen Grundlinien nochmals skizziert.

Grundlinie 1.

Frage: Was treibt Menschen in der Freizeit an?

Antwort: Die mögliche Erfüllung brach liegender, nicht gelebter Bedürfnisse.

Grundlinie 2.

Frage: Wie hält man diesen Antrieb, wenn er einmal geweckt ist, in Gang? Wie lässt er sich möglicherweise noch steigern?

Antwort: Durch konsequente Berücksichtigung ebendieser Bedürfnisse in Planung und Gestaltung.

Wissenschaftliche Basis und menschliche Bedürfnisse

Der Verständlichkeit willen muss ich nun zwei kleine Zwischenschritte einlegen.

Der erste Zwischenschritt ist eine nicht unwesentliche Ergänzung zu dem bisher Gesagten. Wir haben in unseren Arbeiten rasch bemerkt, dass die alleinige Analyse ungestillter menschlicher Bedürfnisse als planerische Voraussetzung zu kurz greift und durch eine Analyse des kognitiven Prozesses an sich ergänzt werden muss (Wie nehmen Menschen wahr? Welche Gesetzlichkeiten prägen die menschliche Wahrnehmung? Welches Verhältnis besteht zwischen der Innenwelt des erlebenden Organismus und seiner Außenwelt etc.).

Ich kann Ihnen hier das Ergebnis dieser Analyse aufgrund seiner Umfangs nicht erläutern. Ich behelfe mich daher mit einem Verweis auf das dahinter stehende Theoriengebäude. Konkret ist es der konstruktivistische Ansatz gewesen, dem wir elementare Einsichten in den menschlichen Erkenntnisprozess verdanken. Einsichten, die wir mit kybernetischem und systemtheoretischen Gedankengut ergänzten und so zu dem verdichteten, was uns heute als wissenschaftliche Basis der Erlebnis- resp. Zoodramaturgie dient.

Mit anderen Worten, Zoodramaturgie ist ein Unterfangen mit seriösem wissenschaftlichen Hintergrund, der im wesentlichen von der Kybernetik, der Systemtheorie und dem radikalen Konstruktivismus geliefert wird. Von diesem Hintergrund, aus dieser Basis leiteten und leiten wir schlussendlich jene Kriterien ab, die uns in der konkreten Planungsarbeit als erlebnisrelevante Bezugspunkte dienen.

Der zweite Zwischenschritt hat mit dem zu tun, was wir unter "Bedürfnisse" verstehen. Wir meinen damit nicht künstliche, von der Werbung geschaffene Bedürfnisse wie den drängenden Wunsch nach einem schnittigen 2 Liter BMW oder einem möglichst teuren Gucci Anzug.

Wir meinen jene Bedürfnisse, die sich aus den Bedingungen des Lebens "notwendigerweise" ergeben. Der Stoffwechsel ist ein Beispiel dafür. Oder die körperliche Bewegung. Wenn wir zuwenig trinken, haben wir Durst. Wenn wir gar nichts trinken, verdursten wir. Mangelhafte Körperbewegung macht sich zwar nicht so drängend bemerkbar wie mangelhafte Ernährung. Das Beispiel des kindlichen Zappelphilipps verdeutlicht aber, dass sich auch hier, sollte es zu einem Defizit kommen, der Organismus ein entsprechendes Ventil sucht.

Sie werden jetzt natürlich fragen: Gibt es noch andere primäre Bedürfnisse? Ich kann Sie beruhigen: ja, es gibt sie!

Ich werde Ihnen kurz zwei dieser Bedürfnisse vorstellen. Und ich werde Ihnen dabei zu zeigen versuchen, welche planerischen Konsequenzen sich aus diesen Bedürfnissen ergeben.

Die beiden Bedürfnisse, die ich für Sie ausgewählt habe, sind das Bedürfnis nach Zusammenhang und das Bedürfnis nach Neugier. Vielleicht erscheinen Ihnen diese beiden Formulierungen etwas seltsam. Schütteln Sie aber nicht vorschnell den Kopf! Geben Sie mir die Chance, Ihnen zu erklären, was sich hinter diesen beiden Bedürfnissen verbirgt.

Das Bedürfnis nach Zusammenhang

Versetzen Sie sich einmal in folgende Situation: Es ist 19.30 Uhr. Sie haben es sich eben auf Ihrem Lieblingssessel vor dem Fernseher bequem gemacht. Die Tageschau beginnt mit der Meldungsübersicht: Bombenanschlag in Kuwait, Erdbeben in Bombay, Entführung des deutschen Industriellen Dr. Oetker, neuerliches Rekordtief des Dow Jones, Geburt des 5. Kindes von Prinzessin Abdulla, neuer Weltrekord im Langstreckenkraulen. Der Meldungsübersicht folgt die Detaillierung der Ereignisse. Zusammenhangslose Informationen prasseln auf mich nieder, wie Dosen aus einem umstürzenden Supermarktregal.

Treten Sie nun einen Schritt zurück und vergleichen Sie diese kurze Tagessequenz mit ihrem übrigen Tagesablauf. Spiegelt die Tagesschau in der Zusammenhangslosigkeit der präsentierten Ereignisse nicht einen Grundzug unserer modernen Welt wieder? Die Welt als Supermarkt, in der alles verfügbar scheint: Informationen, Waren, Dienstleistungen. Und in der wir alles, damit es möglichst rasch verfügbar ist, voneinander und damit aus dem Zusammenhang lösen. Eine atomisierte Welt gleichsam, in der Zusammenhänge und Beziehungen dem Diktat der Effektivität geopfert werden.

Zugleich sollten wir aber eines erkennen. Speziell das menschliche Leben braucht Zusammenhänge. Erfahrbare, nachvollziehbare Zusammenhänge, die mir sagen, wie die Dinge untereinander und vor allem mit mir in Beziehung stehen. Ohne Zusammenhänge keine Orientierung. Was soll ich mit der Meldung "Bombenanschlag in Kuwait" anfangen? Hat sie mit mir zu tun? Bedroht sie mich? Wenn ja, was kann ich tun?

Ohne Zusammenhänge keine Sicherheit und kein Wohlbefinden. Ich frage noch einmal: Bedroht mich die Bombenmeldung aus Kuwait? Vielleicht. Ich habe Angst! Was kann ich tun?

Ohne Zusammenhänge letztlich kein Lebenssinn. Was ist der Lebenssinn des menschlichen Roboters, der zwischen seiner auf wenige Handgriffe reduzierten Tätigkeit und dem Lebensganzen keinen Zusammenhang mehr erfährt?

Sie verstehen, worauf ich hinaus will. Ob wir hungern oder frieren oder ob wir als auf Sinn angewiesene Kreaturen keinen Sinn mehr finden. Wo immer dieses virulente Etwas, das wir unser menschliches Leben nennen, von seinen eigenen Bedingungen, von seinen eigenen Gesetzlichkeiten abgeschnitten wird, macht es sich bemerkbar, sucht es sich Auswege, versetzt es das Bewusstsein in einen Zustand der Rast- und Ruhelosigkeit.

Sehen wir es einmal anders. Kann diese Situation, in der wir uns kulturell befinden, nicht auch als Chance gesehen werden? Als Chance beispielsweise für den Freizeitsektor? Könnten oder sollten hier nicht Welten entstehen, die aufgrund ihrer thematischen Zusammenhänge schlichtweg Sinn offerieren? Abenteuerliche Welten, die ihre Besucher in geheimnisvolle Wirklichkeiten entführen, in der auf scheinbar magische Art und Weise alles mit allem in Beziehung steht? In Wirklichkeiten voller Überraschungen und ungeahnter Entdeckungen?

Und ist nicht gerade der Zoo prädestiniert für solche "kontextuellen" Erlebnisse und Abenteuer? Wir brauchen ja nur das, was schon da ist, die Tiere, die Gehege, die Gebäude etc., durch kluge Inszenierungen zu spannenden Geschichten verweben. Zu wundersamen, dramatischen Geschichten, deren Zusammenhänge ich, getrieben von meiner Neugier, Schritt für Schritt erforschen kann.

Das Bedürfnis nach Neugier

Soeben ist das Schlüsselwort gefallen: "Neugier"!

Neugier ist zweifellos eine Emotion, die uns Menschen grundlegend kennzeichnet. Wir werden als Neugierwesen geboren. Unsere Neugier ist der Motor hinter allen Erfindungen und Entdeckungen. Seien es die Erkundungen kleiner Kinder, die krabbelnd ihre Welt erforschen. Seien es die Bandenspiele der Halbwüchsigen, bei denen diese soziale Erfahrungen sammeln. Oder seien es die großen Entdeckungen, die das Wissen der Menschheit zu neuen Höhen treiben.

Neugier, das werden Sie mir gerne bestätigen, ist etwas zutiefst Beglückendes. Ein wunderbarer, herrlicher Sog, der mich zu neuen Ufern zieht. Zugleich ein Sog, der seine Wurzeln in meinem Innersten, in den scheinbar unergründlichen Tiefen meiner Seele hat.

Wann in unserem Alltag können wir unserer Neugier frönen? Wo in unserer Kultur gibt es Gelegenheiten, die bewusst diese Stimmung fördern und ihr dienen. Wer darf überhaupt neugierig sein? Wem wird dieser Luxus noch gestattet?

Tatsächlich ist unser Alltag von einer überbordenden Armut an Neugier geprägt. Oder besser: von Gelegenheiten, die Neugier zulassen und entfachen. Das beginnt in den Schulen, wo Wissen in erster Linie vom Ergebnis her vermittelt wird. Wo Neugier gleichsam als zeitvergeudendes Hindernis betrachtet wird und wo nicht selten Antworten auf Fragen gegeben werden, die nie gestellt wurden. Es setzt sich fort vor den Bildschirmen zu Hause, wo die Menschen mit vorgekauten und als Informationen bezeichneten Häppchen zu passiven Empfängern degradiert werden. Und es setzt sich ein weiteres mal fort in unseren kulturellen Einrichtungen, wo Inhalte zumeist in einer Weise thematisiert werden, die die menschliche Neugier zum alleinigen Privileg einer als Wissenschaft bezeichneten Kaste macht.

Sagen wir, wie es ist: Wo wir nur können, verhindern wir unsere Neugier. Ja wir verbieten uns geradezu, neugierig zu sein.

Ich möchte hier über die psychologischen Konsequenzen dieses Umstands nicht sprechen. Auch nicht über seine bildungspraktischen Konsequenzen. Nur darüber, dass mit dieser seltsamen Strategie der Verhinderung in den Menschen eine unstillbare Sehnsucht wächst. Eine Sehnsucht nach einer Welt voller Rätsel, die von keinem Experten ungefragt und vorschnell gelöst werden. Nach einer Welt, in der ich als Rätsellöser gefordert und gefragt bin und in der das Staunen und die Neugier (die untrennbaren Geschwister des menschlichen Entdeckens) so selbstverständlich sind wie in der unsrigen das Auto.

Und ist nicht der Zoo der Idealtyp einer solchen Welt?

Bedenken Sie: die Musterung der Giraffe, die Streifen des Zebras, die Augen der Stabheuschrecke, die Federn des Kakadus, die Zunge des Chamäleons, die schmirgelpapierene Haut des Haifischs...das sind doch im Grunde alles fantastische, großartige, erstaunliche Rätsel. Rätsel, die meine Neugier wecken, entfachen, stimulieren, entzünden.

Wenn wir nur diese Entdeckung der Rätselhaftigkeit der lebendigen Welt unseren Zoobesuchern nicht vorenthalten würden. Niemand könnte und würde sich der Magie der lebendigen Formen, der unendlichen Vielfalt ihrer Wunder entziehen, wenn er es einmal gelernt hat, sie als Rätsel zu sehen; als Rätsel, das unweigerlich die Neugier weckt.

Geben Sie keine vorschnellen Erklärungen ab! Dozieren Sie nicht! Degradieren Sie die Besucher nicht zu passiven Datenschluckern!

Inszenieren Sie Ihren Zoo als Rätsel! Stellen Sie Aufgaben! Verteilen Sie Rollen! Schicken Sie ihre Besucher auf Forschungsreise! Lassen Sie die Besucher entdecken!

Machen Sie Ihren Zoo zu einer Wunderwelt des Staunens, in der die Neugier die alleinige Fährte des Entdeckens ist.

Resumé

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich hoffe Ihnen mit meinen Überlegungen eine erste Vorstellung davon gegeben zu haben, was wir als Zoodramaturgie bezeichnen. Ich würde mich freuen, Sie für eine Perspektive gewonnen zu haben, die das Unternehmen Zoo, Tier und Besucher als Partner ausweist und im Speziellen den Menschen als Neugierwesen und zentralen Erfolgsfaktor rehabilitiert.

Lassen Sie mich am Ende meiner Ausführungen nochmals die wesentlichsten Gedanken zusammenfassen.

Zoodramaturgie ist ein planerisches Werkzeug, das bisherige Ansätze der Besucherlenkung resp. der didaktischen Intervention zusammenfasst und um die emotionale Dimension des menschlichen Erlebens erweitert. Es schöpft aus der Vereinigung erkenntniswissenschaftlicher Grundlagen und aktueller bedürfnisorientierter Analyse. Sein Ziel ist die Überwindung traditioneller Gegensätze wie Unterhaltung und Vermittlung, entertainment und content. Es erreicht dieses Ziel durch ein Vorgehen, das sich an den Wahrnehmungsbedingungen der Menschen orientiert und ihre ungestillten Bedürfnisse als guideline verwendet.

"Zoodramaturgie" ist überall dort das Mittel der Wahl, wo es um die Integration der Besucher, um die Professionalisierung der Beziehung Zoo-Tier-Mensch geht. Bei der grundsätzlichen Planung von Tiergärten, bei der Neuplanung von Zoobereichen, beim Redesign vorhandener Strukturen, bei der Implantierung neuer Elemente, bei der Attraktivierung didaktischer Interventionen, bei der Entwicklung spezifischer Besucherangebote.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich würde mich freuen, Sie mit einem kreativen Virus infiziert zu haben, von dem wir uns in Zukunft planerisch sehr viel versprechen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Angaben zum Autor

Dr. Gerhard Frank, Studium der Zoologie und Humanbiologie, Promotion 1985; nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt im Amazonas, beginnt er mit der Entwicklung der hier vorgestellten "Erlebnisdramaturgie"; es folgen zahlreiche erlebnisdramaturgische Umsetzungen; zur Zeit Geschäftsführer der Firma explore Erlebnisproduktionen, die sich mit Konzeption und Realisierung von Erlebnisinszenierungen beschäftigt.

Tel. 0043/1/5224722

Email: g.frank@exploreum.at