Sicherheit ist mit Sicherheit Unsicherheit

Dipl.-Biol. E. Wiesenthal, Tiergartengestaltung Wiesenthal, Seeburg

Berufsgenossenschaftliche Seminare mit den "Sicherheitsregeln zur Haltung von Wildtieren" zum einen, die Praxis in der Wildtierhaltung zum anderen weisen enorme Diskrepanzen auf. Hinzu kommen Grenzfälle, die in den Sicherheitsregeln keine Beachtung finden. Dabei geht es nahezu ausschließlich um den Schutz des Menschen im Umfeld der Tiere. Den Schutz der Tiere möge das Tierschutzgesetz regeln.

Aktuell aus den vergangenen Jahren war zum Beispiel der Presse zu entnehmen:

 

Hundeverordnung ... und dann beißt ein Hund, der den Wesenstest bestanden hat

Eisbären hinter Schloß und Riegel ... und dann bricht jemand die Schlösser auf

Flußpferd hinter Elektrozaun ... und dann tötet es den Direktor

Rothirsch ... forkelt den Halter in der Brunft

Unfälle, in denen Tiere zu Schaden oder zu Tode kommen, man denke an den Gorilla im Wassergraben, komplettieren die Negativ-Schlagzeilen zum Thema Sicherheit für Mensch und Tier. Positiv-Schlagzeilen gibt es nach meinem Kenntnisstand nicht.

Wenn unser Büro gutachterlich tätig wird, hören wir bei der Forderung nach Sicherheitsauflagen seitens der Betreiber, daß ein möglicher Ernstfall in mittlerweile 30 Jahren Gatter- oder Gehegehaltung nicht aufgetreten ist. Warum dann diese sehr kostenintensiven Sicherheitsmaßnahmen? Darüber wird heute noch ausreichend referiert, und so gilt es für mich einem anderen neuen? Aspekt einen höheren Stellenwert beizumessen.

Es stellt sich die Frage, welcher Schutz für wen Sicherheit bringt. Hätten die Unfälle, deren Versicherungsschutz oft genug angezweifelt wird, in zoologischen Einrichtungen vermieden werden können? Fehlten hier tatsächlich ausreichende Sicherheitsmaßnahmen? Aus der Entfernung will und kann ich dazu keine Stellung beziehen (das leisten meistens ohnehin "selbsternannte" Fachleute). Können es die direkt Beteiligten? "Hätte" ist oft leichter gesagt als getan.

Auf einem Seminar der DTG 1992 in Detmold referierte ein Rechtsanwalt über den Schutz von z. B. Spielplätzen bzw. über die Haftungsbegrenzungen der Versicherer. Bemerkenswert war sein Fazit: Generell trifft es immer den Betreiber! Wenn er nicht direkt zur Kasse gebeten wird, bleibt dennoch immer ein bitterer Nachgeschmack in der Öffentlichkeit.

Daraus resultiert, daß in der Gehegeplanung die Sicherheit für Mensch und Tier oberste Priorität erhalten muß. Andererseits wünschen wir möglichst transparente Einsicht in das Gehege, der Trend zum Tierkontakt, zur begehbaren Anlage, ist heute ein MUß in der Zooplanung. Das auch und vor allem besucherfreundliche Gehege vermittelt das Gefühl von Freiheit und Wildnis und führt zum Lob der Besucher über eine derartige Anlage. Das bringt wirtschaftlichen Nutzen!

Wo "Freiheit" anfängt, Gehege aufhört

Daß "Freiheit" als sehr positiv belegtes Wort nur bedingt in der Gehegehaltung verwendet werden kann, ist unumstritten. Daß "Freiheit" in der Freiheit jedoch auch zahlreiche Probleme mit sich bringt, ist heute auch vielen Laien bewußt. Und daß "Freiheit" eines der wichtigsten Worte in der Werbung darstellt, mag jeder im Fernsehen ganztägig bei den Privatsendern - nachvollziehen. Ist demnach "Freiheit" nur ein guter Werbeslogan?

Leider gibt es gerade unter den modernen Gehegen einige, die sehr ansprechend eben besuchergerecht gestaltet sind, für das Tier jedoch keine nennenswerten Vorteile gegenüber den ehemaligen Käfigen bieten. Und wenn in diesen Anlagen Individuen gehalten werden, die sich nicht anpassen, dann sind die Probleme vorprogrammiert.

Die freie Entscheidung eines Individuums zur beispielsweise Integration in eine neue Tiergruppe können wir ebenso wenig ermitteln, wie das Bestreben des Tieres zu einem bestimmten Partner, und somit nicht im Vorfeld unterstützend eingreifen. Einem möglichen Emigrationswunsch sollten wir als Tiergärtner unbedingt Rechnung tragen. Gerade in sozial verträglichen Gruppen wie Herden, Rudeln oder Rotten der Säugetiere bemerken wir mit guter Beobachtungsgabe Sympathien und Antipathien unter den Artgenossen oder selbst in interspezifischen Vergesellschaftungen. So zeigen aus eigenen Erfahrungen zum Beispiel Jungwölfe zuweilen ein Dominanzverhalten, das darauf schließen läßt, daß sie unter natürlichen Bedingungen das Rudel verlassen würden, um selbst ein neues Rudel zu gründen. Männliche Rothirsche und selbst Rehe im Familienverband sind oft auch während der Brunft sehr verträglich. Ich beobachtete einen 5jährigen Hirsch, dem sein Platz in der Hierarchie offensichtlich nicht mehr zusagte; Aggressionen mit schweren Auseinandersetzungen sind nicht selten die Folge. Das sind offensichtlich die Spitzen des Eisberges. Allzu oft höre ich Anfragen nach weiblichen Tieren zwecks Blutauffrischung im Gehege. Sie werden in eine bestehende Gruppe integriert. Führt das wirklich zum erwünschten Erfolg, wenn wir wissen, daß in freier Natur die Weibchengruppen aus reinen Familienmitgliedern bestehen? Wer Adler hält, weiß um die Problematik einer harmonischen Paarbildung. Und selbst bei Einzelgängern wie Wildkatze oder Dachs, die ohne weiteres in Gehegen vergesellschaftet werden können, ist eine individuelle Harmonie notwendig, um sie langfristig gemeinsam halten zu können, wenn außerdem auch Nachwuchs erwünscht ist.

Lassen wir diese Gedanken leider heute immer noch die Regel unberücksichtigt, müssen wir stabilere Einfriedungen schaffen, um die Tiere in ihre Grenzen zu weisen. Ist das Sicherheit?

Mit dem Wunsch nach transparenten Gehegen muß aber auch die Änderung des Verantwortungsbewußtseins der Gehegebetreiber einhergehen. Waren es früher die massiven Gitterstäbe, doppelte und dreifache Sicherung oder großzügige Grabensysteme, die aus Kostengründen dem Tier meist nur wenig Raum boten, sind es heute die Kontrollen des Personals, die die Sicherheit kompensieren mögen. Es gab auch damals genügend "Zwischenfälle", die auf menschliches Versagen zurückzuführen waren, wenn beispielsweise Schimpansen aus den Verließen ausbrachen. Daß mit diesem Wandel zu "kleine" (nicht tiergerechte) Gehege, die aber den heutigen Mindestanforderungen der Säugetierhaltung immer noch entsprechen, nicht ausreichen, versteht sich von selbst. Sind wir uns der Verantwortung bewußt? Je mehr Verständnis für das Tier aufgebracht wird, umso mehr kann ich mich auf die Tiere in meiner Obhut verlassen positiv wie negativ. Daß dies mit einem weitaus höheren und fachkundigen Personalaufwand verbunden werden muß, steht außer Frage. Dies betrifft natürlich in erster Linie die kleineren Tierparks, die oft nur bedingt in der Lage sind, ausreichend Fachkräfte einzustellen.

Für die Sicherheit anspruchsvoller Gehege in einer weiterentwickelten Zoogeneration wird das Personal vermutlich der limitierende Faktor. Daß gerade die Sach- und Fachkunde in der Tierhaltung auch gesetzlich immer größere Beachtung findet, wird bereits durch die Anforderungsprofile der neuen Sachkundenachweise z. B. von BNA oder DWV deutlich. Dennoch kann damit nur ein Grundwissen zusammengefaßt werden.

Das Wissen um die Tiere und ihr individuelles Verhalten innerhalb eines jeweiligen Geheges kann nur in der Praxis erlangt werden. Gerade die Wesenstests der Hundeverordnung beweisen, wie sehr Theorie und Praxis voneinander abweichen.

Gegen Vandalismus, Einbruch und Diebstahl kann offensichtlich nur dann eine ausreichende Sicherheit erreicht werden, wenn wir auf die alten Käfige und Gitter zurückgreifen. Doch selbst die halten im Ernstfall den Menschen nicht ab.

Je sicherer wir unsere Gehege planen, umso weniger Vertrauen haben wir zu Mensch und Tier. Ist das die notwendige Sicherheit?