Roman Wittig
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Die Schimpansen (Pan troglodytes verus)

des Taï Nationalparks, Côte d‘Ivoire:

Einzigartigkeit und Schutz!

Der Taï Nationalpark wurde 1972 im Südwesten der Elfenbeinküste an der Grenze zu Liberia gegründet. Mit einer Fläche von 435.000 ha ist er heute das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet in Westafrika. Damit bildet er das Rückzugsgebiet für viele bedrohte Tierarten. Diese Besonderheiten veranlaßten 1982 seine Aufnahme auf die ‚World Heritage List‘ der UNSECO.

Seit 1979 beobachten Mitarbeiter des Projet Chimpanzé de Taï unter der Leitung von Prof. Dr. Christophe Boesch die Schimpansen des Taï Nationalparks. In den 90er Jahren wurde damit begonnen zur bestehenden Studiengruppe weitere Gesellschaften an den Menschen zu gewöhnen, so daß zum heutigen Zeitpunkt 4 benachbarte Schimpansengesellschaften täglich beobachtet werden.

In den letzten 20 Jahren wurden viele Beobachtungen in Taï gemacht, die unser Bild von den Schimpansen stark verändert haben:

Der Gebrauch von 26 verschiedenen Werkzeugen wurde notiert. Darunter befinden sich unter anderem verschiedene Hammertypen (aus Holz oder Stein), die differenziert, in Abhängigkeit von der Stabilität des Hammermaterials, zum Öffnen verschieden harter Nüsse verwendet werden. Andere Werkzeuge müssen erst modifiziert oder hergestellt werden. Dazu zählt der ‚Schwamm‘ aus zerkauten Blättern, mit dem Wasser aus Baumhöhlen getrunken wird, oder die verschiedenen Ruten zur Aufnahme von Insekten (Boesch & Boesch, 1990; Boesch & Boesch-Achermann, 2000).

Die Schimpansen in Taï sind spezialisiert auf die Affenjagd. In 84% der Fälle jagen sie als Gruppe. Dabei kollaborieren sie in 77% der Gruppenjagden. D.h. sie sind nicht nur koordiniert in Raum und Zeit, sondern die Jäger übernehmen verschiedene Aufgaben wie ‚Driver‘, ‚Chaser‘, ‚Blocker‘ oder ‚Ambusher‘. Ist die Beute gefangen, wird sie unter den Anwesenden nach einem ausgeklügelten System verteilt. Dabei erhalten Jäger mehr Fleisch als Zuschauer, aktivere Teilnehmer (z.B. Fänger) mehr als inaktivere (z.B. ‚Blocker‘) und Jäger, die sich an die Bewegung der Beute anpassen, mehr als solche, die statisch jagen (Boesch, 1994; Boesch & Boesch-Achermann, 2000).

Schimpansen leben in Gesellschaften mit mehreren Individuen beider Geschlechts zusammen. Ihr Fortpflanzungssystem ist promiskuitiv, so daß ein Männchen nie sicher sein kann, der Vater eines Kindes zu sein. Da keine Kopulationen über die Grenzen der Gesellschaft hinaus beobachtet wurden, ging man davon aus, daß nur die Männchen als Väter der Kinder in Frage kommen, die zu der gleichen Gesellschaft gehören. Genetische Untersuchungen an den seit Jahren bekannten Individuen in Taï haben gezeigt, daß in über 50% der Fälle eine Vaterschaft der Männchen für die Kinder der selben Gesellschaft ausgeschlossen werden kann. D.h. Schimpansenweibchen suchen sich Fortpflanzungspartner außerhalb der eigenen Gesellschaft: Sie gehen ‚fremd‘! (Gagneux et. al., 1997).

In Kooperation mit anderen Wissenschaftlern gelang der Nachweis kultureller Unterschiede im Werkzeuggebrauch und im Verhalten. Im Vergleich der 6 Langzeitstudien an Schimpansen wurden 39 Verhaltensmuster nachgewiesen, die in mindestens einem, aber nicht in allen Untersuchungsgebieten beobachtet wurden. Dabei wurde darauf geachtet, daß die Abwesenheit eines Werkzeugs oder eines Verhaltensmusters nicht ökologisch bedingt ist (Whiten et. al., 1999).

Ein gutes Beispiel für unterschiedliche Kulturen bei Schimpansen zeigt der Werkzeuggebrauch beim Verzehr von Treiberameisen. Während die Schimpansen im Gombe Nationalpark lange Stöckchen (66 cm) zum ‚ant dip‘ verwenden und die Ameisen hinterher mit der Hand in den Mund streifen, verwenden die Taï-Schimpansen kurze Stöckchen (24 cm) und streifen die Ameisen mit den Zähnen direkt in den Mund. Trotz selber Ameisen und dem Vorhandensein langer Stöcke in beiden Gebieten verwenden die Schimpansen in Taï eine Technik, die sehr viel weniger effektiv ist (Boesch & Boesch, 1990; Boesch & Boesch-Achermann, 2000).

Obwohl Schimpansen unsere nächsten Verwandten sind (98,5% des genetischen Materials teilen sie mit dem Menschen), müssen sie leider als gefährdete Art eingestuft werden (Rote Liste der IUCN). Die Gesamtzahl der wild lebenden Schimpansen wird heute auf 150.000 Individuen geschätzt, davon ca. 4.500 im Taï Nationalpark (Teleki, 1989; Marchesi et. al., 1995).

Und die verbleibenden Schimpansen sind bedroht durch:

Der Lebensraum der Schimpansen sind die tropischen Wälder Afrikas. Diese Wälder werden zunehmend zerstört. Holzfirmen schlagen Bäume für den Export, Bauern legen neue Felder an (Kakao, Kaffee, Kautschuk, etc.) und an manchen Stellen brennt der Wald, weil sich Rodungsbrände selbständig gemacht haben. Bereits 1971 waren ca. 50% der Gebiete im tropischen Regenwaldgürtel an der Côte d’Ivoire durch Plantagen vernichtet. Zwischen 1980 und 1985 verringerte sich die Fläche des geschlossenen Regenwaldes an der Côte d’Ivoire von 44.580 km2 auf 30.080 km2. Das macht eine Reduzierung von 30% in 5 Jahren – dreimal die Fläche des Taï Nationalparks (Martin, 1989).

Die Jagd auf Schimpansen ist leider immer noch Normalität. Vielerorts werden sie getötet und als ‚bush-meat‘ verkauft. Danach werden sie von Menschen gegessen oder in der ‚traditionellen Medizin‘ verwendet. Auch Lebendfänge werden immer noch durchgeführt, um Schimpansen als Haustiere oder Souvenirartikel zu mißbrauchen. Das traurige Ergebnis ist ein Rückgang der Schimpansenpopulationen um bis zu 90% in den Gebieten, die unter starkem Jagddruck leiden (Tutin & Fernandez, 1984; Marchesi et. al., 1995).

Menschen dringen immer weiter in die Lebensräume der Schimpansen vor. Dadurch kommen Schimpansen in Kontakt mit menschlichen Krankheitserregern. Da sich Mensch und Schimpanse genetisch so ähnlich sind, können diese Erreger auch die Spezies wechseln und ähnliche Auswirkungen haben. Im Jahr 1966 erkrankten 10 Schimpansen in Gombe an Poliomyelitis, nachdem eine Epidemie unter der lokalen Bevölkerung ausgebrochen war. In Taï konnte etwas ähnliches 1999 beobachtet werden. Nach einer Masernepidemie in den Dörfern um den Nationalpark herum erkrankten in der Nordgruppe alle Schimpansen und zeigten Masernsymptome. Blutanalysen zeigten, daß die Schimpansen mit einem masernverwandten Virus infiziert waren. Bilanz unter den Schimpansen: 8 Tote! (Goodall, 1986)

 

Aus diesem Grund wurde 2000 die Wild Chimpanzee Foundation gegründet. Ziel der Initiative ist der Schutz der wild lebenden Schimpansen und die Bewahrung ihres Lebensraumes, des tropischen Regenwaldes in Afrika. Dazu verbindet die Wild Chimpanzee Foundation Naturschutz, Forschung, Erziehung und Bildung in ihrer Arbeit:

In ca. 50 Gegenden von Afrika wurden oder werden Schimpansen und Bonobos beobachtet. Von diesen Stellen haben wir ein genaueres Bild über die Populationsgrößen, die Art der Habitate und den Stand des Naturschutzes vor Ort. Für viele Gebiete in Afrika ist jedoch noch nichts über Schimpansen bekannt, oder nur Unzureichendes.

Mittels Satellitenaufnahmen werden potentielle Habitate für Schimpansen in Afrika ermittelt. Teams vor Ort nehmen Daten über Größe und Zusammensetzung der Populationen und die Qualität ihres Lebensraumes auf.

Von vielen der bekannten Schimpansengesellschaften wissen wir, daß sie genetisch isoliert sind. Ihre Habitate sind Restbestände eines ehemals größeren Waldgebietes. Um das Überleben der Schimpansen zu sichern, werden große Populationen aus vielen benachbarten Gesellschaften als ‚Schlüsselpopulationen‘ unter besonderen Schutz gestellt.

15-25 ,Schlüsselpopulationen‘ werden unter besonderen Schutz gestellt. Sie werden nach ihrer Größe, der Qualität und des Schutzzustandes ihres Habitats, und der potentiellen Gefahren für ihren Lebensraum ausgesucht.

Um die Verwirklichung des Aktionsplanes kümmert sich ein Komitee aus international anerkannten Wissenschaftlern und Naturschützern. Die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ist eingeleitet. Weitere Organisationen, Gruppen und Körperschaften sind willkommen, um ein Überleben der wild lebenden Schimpansen zu sichern.

 

Wild Chimpanzee Foundation (European Office)

c/o Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Inselstr. 22, 04103 Leipzig

Tel: 0341-9952139 ; Email: wcf@wildchimps.org ; Internet: http://www.wildchimps.org

 

 

  1. Boesch, C. (1994): Chimpanzees – Red Colobus Monkeys: a Predator – Prey System.
  2. Anim Behav, 47: 1135 – 1148.

  3. Boesch, C. & Boesch, H. (1990): Tool Use and Tool Making in Wild Chimpanzees.
  4. Folia Primatol, 54: 86 – 99.

  5. Boesch, C. & Boesch-Achermann, H. (2000): The Chimpanzees of the Taï Forest.
  6. Oxford: Oxford University Press.

  7. Gagneux, P. et. al. (1997): Furtive Mating in Female Chimpanzees.
  8. Nature, 387: 358 – 359.

  9. Goodall, J. (1986): The Chimpanzees of Gombe – Patterns of Behaviour.
  10. Cambridge: Harvard University Press.

  11. Marchesi, P. et. al. (1995): Census and Distribution of Chimpanzees in Côte d’Ivoire.
  12. Primates, 36: 591 – 607.

  13. Martin, C. (1989): Die Regenwälder Westafrikas – Ökologie, Bedrohung und Schutz.
  14. Basel: Birkhäuser Verlag.

  15. Teleki, G. (1989): Population Status of Wild Chimpanzees (Pan troglogytes) and threats to survival. In: Understanding Chimpanzees. Heltne, P. & Marquardt, L. (Eds.), pp. 312 – 353. Cambridge: Harvard University Press.
  16. Tutin, C. & Fernandez, M. (1984): Nationwide census of Gorilla (Gorilla g. gorilla) and Chimpanzee (Pan t. troglodytes) Populations in Gabon.
  17. Am J Primatol, 6: 313 – 336.

  18. Whiten, A. et. al. (1999): Cultures in Chimpanzees.

Nature, 399: 682 – 685.