Beweggründe, Ziele und Grenzen für Primatenhaltung und Primatenforschung

in Zoos und Forschungseinrichtungen.

H. Preuschoft

 

Was zieht Menschen, als naive Betrachter und ebenso als geschulte Beobachter, an Primaten an? Warum wollen die Leute Primaten sehen?

Auf die Gefahr hin, daß manche der anwesenden Zoo-Mitarbeiter es besser und genauer wissen, möchte ich zwei Gesichtspunkte hervorheben:

1. die Ähnlichkeit mit uns selbst. Wir finden unsere eigene Gestalt, unser eigenes Verhalten im Anblick dieser Tiere wieder - wobei es vor allem das Gesicht ist, von dem Signale ausgehen, die uns irgendwie an unsere eigenen Äußerungen erinnern, und das ganz bereitwillig auf von uns ausgesendete Signale antwortet. Die Ähnlichkeit wird offenbar von den Tieren ebenfalls empfunden. Sie nehmen ohne weiteres Kontakt mit dem Besucher auf. Man versteht sich nicht ganz genau, aber hat den Eindruck, daß immerhin die gleichen Signale, d.h. Gesten, Mimik, Laute, eingesetzt werden, die wir kennen.

Auch die Körpergestalt ist uns vertraut, mit den Gliedmaßen, besonders den Händen und Füßen, die diesen Tieren den gleichen Umgang mit den Gegenständen ihrer Umwelt erlauben wie wir ihn gewohnt sind. Sie laufen und klettern mit den gleichen Mitteln, die wir kennen und die auch uns zur Verfügung stehen, und sie ergreifen Besitz von, oder erfassen Gegenstände ebenso wie wir das tun. Es fällt auch krtischen Beobachtern nicht schwer, sich vorzustellen, daß sie ganz ähnliche Eindrücke von ihrer Umgebung gewinnen, oder Sachverhalte auf ähnliche Weise begreifen, wie wir selbst.

Auch die unübersehbaren Unterschiede, etwa die Behaarung, die Schnauze mit dem erschreckenden Gebiß, die Ohren oder die oft übertrieben erscheinenden Minen üben letztenendes gerade wegen ihrer Ähnlichkeit auch noch als Groteske, als Zerrbild unserer selbst erhebliche Anziehungskraft aus.

2. Viele Affen richten als soziale Tiere die überwiegende Mehrzahl aller Aktivitäten auf ihre Artgenossen. Bei diesen werden Reaktionen wachgerufen, die ihrerseits wieder zu weiteren Aktionen führen, alles zusammen eine nie versiegende Quelle von Aktivität. Eine Affengesellschaft verharrt nur selten in der selbst vergessenen Ruhe wie die großen Pflanzenfresser oder die spektakulären Raubtiere. Es ist ständig etwas los - und nicht selten können die Besucher zumindest andeutungsweise erkennen, worum es geht (so bei Mutter-Kind-Beziehungen oder Interaktionen zwischen Geschwistern).

Da Primaten hier bei uns nicht (mehr) von Natur aus vorkommen, muß man sie halten und pflegen, um sie zu ansehen zu können. Das ist nicht so ganz einfach und nicht problemlos. Der erforderliche Aufwand setzt starke Motive voraus. Die Beweggründe für die Haltung von Primaten lassen sich stark vereinfacht in drei Gruppen klassifizieren:

1. Um sie, meist gegen Entgelt, zu zeigen.

Das beginnt mit den wandernden Schaustellern und Leierkastenmännern über die Fotografen, die Tiere als Staffage halten, um Touristen mit ihnen abzulichten, bis zum Zirkus, den Zoos sowie Ausflugs- oder Affenparks. Während die kleinen Schausteller und die Fotografen hier immer seltener werden, nehmen die seriösen Haltungen immer mehr zu. M.E. sind zwei Klassen deutlich zu unterscheiden: die reinen Zur- Schau- Stellungen (hier “Zoo” genannt) , und die Vorführung der artistischen Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Tiere (hier als “Zirkus” bezeichnet). Die Bezeichnung ist zugegebenermaßen irreführend, weil Affen im Zirkus hier nur selten zu sehen sind. Eine althergebrachte Tradition der Affendressur existiert in Japan. Dressierte Affen spielen aber eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Filmproduktion.

2. Auch wenn man mehr und sehr spezielles über die Tiere erfahren will, was vielleicht noch niemand vorher herausgekriegt hat, wenn man also Forschung treiben will, muß man sie entweder in ihren Heimatländern aufsuchen und Freilandstudien betreiben, oder man muß sie erst einmal halten. Es ist zu unterscheiden zwischen den rein wissenschaftlichen Labors, die heute in der Mehrzahl der Fälle an Universitäten angebunden sind. Das Motiv ist hier letztenendes der Wunsch nach Erkenntnisgewinn, im Einzelfall verbunden mit dem intensiven Verlangen nach Ruhm (als Forscher) und dem sehr konkreten Streben nach der Einwerbung von Forschungsmitteln.

3. Etwas einseitiger sind die Labors in Industriefirmen ausgerichtet. In ihnen werden Primaten eingesetzt als Modell für den Menschen, um experimentell die Verläufe von Krankheiten aufzuklären und die Wirksamkeit von Arzneimitteln oder Behandlungsverfahren zu prüfen. Viele der Untersuchungsmethoden liefern keine strikten Kausalbeziehungen, sondern nur statistische Häufungen. Das verlangt Wiederholungen des gleichen Versuchs an möglichst vielen Individuen, die sich wenig voneinander unterscheiden. Deswegen ist der “Verbrauch” an Versuchstieren u.U. hoch.

Das Motiv ist wie überall in der Industrie Gewinnmaximierung, auch das Bestreben leidenden Menschen zu helfen, und ein kleines bißchen Ruhm, diesen oder jenen Sachverhalt als erster aufgeklärt zu haben. Die Behandlung der Tiere wird manchmal durch Mitgefühl gemildert.

4. Da der Nachschub der Tiere aus den Ursprungsländern nicht mehr fließt, aber auch weil die Wildfänge traumatisiert sind, Infektionen, Parasiten, Mangelzustände und Verletzungen mit sich tragen und besonders schwer zu handhaben sind, versucht man die Versuchstiere hier im Lande zu züchten. Dies Unternehmen ist auch auf finanziellen Gewinn ausgerichtet, aber auch Verantwortungsbewußtsein der Natur gegenüber spielt eine Rolle.

Gehalten werden zu diesem Zweck mehrere, manchmal zahlreiche Individuen aus mehreren Generationen, und die Tiere können durchaus in Austellungs-ähnlichen Bedingungen (“Zoos”) leben (wie z.B. Menschenaffen in Atlanta, Lemuren in Strasbourg und Mulhausen)

Zwischen diesen 4 Haltungstypen bestehen alle nur denkbaren Kombinationen und Übergänge.

In wenigen Fällen wird auch der verzweifelte Versuch unternommen, einzelne Arten oder Populationen zu erhalten. Solange die ursprünglichen Biotope noch erhalten sind, oder wieder hergestellt werden können, ist das keineswegs sinnlos. Erfolgreich sind und waren derartige Versuche bisher dann, wenn sich die Zoos ihrer angenommen haben, weisweit sich Industriehaltungen überhaupt engagiert haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Wissenschaftliche Institute sind in ihren Möglichkeiten allzu beschränkt. Die vordergündigen Ziele sind ähnlich wie in Vermehrungszuchten: Es gilt, möglichst viele Nachkommen hervorzubringen.

Die kleinen “privaten” Haltungen können ganz verschiedenen Zielen dienen und höchst unterschiedliche Qualität haben. Sie können den Tierparks nahe kommen oder den Schaustellern - oder sie können ganz unter Auschluß der Öffentlichkeit existieren. Letztenendes bestehen klare Grenzen weder gegenüber den Haltungen in “Vermehrungszuchten”, noch gegenüber den Zoos, wobei gleichgültig ist, ob diese privat oder aus kommunalen oder Landeskassen finanziert werden. Nicht einmal die Motive der Tierhalter, nämlich das Gemisch aus Interesse an den Tieren, Sammellust und Ehrgeiz ist qualitativ so ganz anders als bei den Verantwortlichen der Zoos. Auch die Grenzen zur Schaustellerei oder zum Zirkus sind nicht eindeutig zu ziehen. Potentiell können private Sammler ebenso wie Zoos einen Aderlaß für Wildpopulationen darstellen (ebenso wie bei manchen Greifvögeln oder Papageien).

Schließlich müssen die Auffangstationen von konfiszierten oder überschüssigen Tieren noch erwähnt werden. Hier in Deutschland spielen die keine erhebliche Rolle, die Behörden versuchen in der Regel, die Zoos oder größere wissenschaftliche Haltungen für diese Aufgabe heranzuziehen und nicht Tierheim-ähnliche Einrichtungen. Die bestehenden Bedingungen und Probleme dürften ähnliche sein wie in den Zoos. Die Qualität der Haltungen hängt ganz und gar vom persönlichen Engagement der Betreiber ab. Unkonventionelle Ideen müssen nicht unbedingt unzulänglich sein.

Wenn man die verschiedenen Haltungen (Spalten) den Aktivitäten gegenüberstellt, derentwegen sie Tiere gehalten werden, und den Notwendigkeiten, die sich zwangsläufig ergeben (Zeilen), erhält man die

Tabelle 1.

Die Eintragungen in den Feldern erfordern einige Erläuterungen.

Von den Zoos wird erwartet, daß sie möglichst viele Tierformen, d.h. Arten ausstellen. Besonders publikumswirksam sind (aus den eingangs erläuterten Gründen) die Menschaffen und die hoch sozialen Arten der Makaken und der Paviane, bis zu einem gewissen Grad auch der Lemuren. Die Meerkatzen und die übrigen Halbaffen sehen zwar oft bestechend aus, bieten aber den Besuchern bei weitem weniger Unterhaltung. Das liegt zum Teil an ihrer begrenzten Verträglichkeit, die keine großen Gruppen zuläßt. Die Schlankaffen, von denen manche diese Schwierigkeiten oder Mängel nicht aufweisen, stellen, wegen ihres Bedarfs an frischen Blättern, erhebliche Fütterungsprobleme.

Die Attraktion der Haltung in sehr großen Verbänden, d.h. unterhaltsam zu sien sein, treiben die Affenparks auf die Spitze. Ein gemeinsames Interesse aller “Zoos” im Sinne dieser Definition muß darin bestehen, möglichst tadellos gesunde, schöne Tiere zu präsentieren. Ein Verhältnis zwischen den Tieren und ihrem Betreuer muß nicht bestehen.

Im Zirkus hingegen bindet der Halter die Individuen an sich. Wegen der intensiven Betreuung und Training kann er nur wenige Tiere halten, hinsichtlich der Arten muß er nicht wählerisch sein, sondern kann nehmen, was gelehrig und eben verfügbar ist; die Individuen sollten aber gut aussehen. In den Darbietungen wird die Menschenähnlichkeit betont, besonders dann, wenn die artistische Leistungsfähigkeit der Primaten diejenige des Menschen übertrifft, oder wenn ihre Bewegungsformen deutlich abweichen.

Warum Affendressuren hier bei uns nicht häufig zu sehen sind, ist mir nicht ganz klar. Das Beispiel der Japanischen Rotgesichtsmakaken zeigt, daß die Tiere sehr gelehrig sind und - im Gegensatz zu den meisten Schimpansen - auch noch in beträchtlichem Alter zur Mitarbeit bereit sind. Das ist nicht selbstverständlich, denn gerade an dieser Art ist in Experimenten nachgewiesen worden, daß das Interesse an Objektspielen mit der Geschlechtsreife durch soziale Interessen ersetzt wird.

In den Forschungs- und Industrielabors geht es in allererster Linie um die Versuche, zu denen die Primaten herangezogen werden. Viele Versuche setzen Mitarbeit der Tiere voraus und erfordern eine erhebliche Vorbereitung. Die Tiere werden manchmal vor ähnliche Aufgaben gestellt wie im Zirkus, sie haben aber immer wieder andere Menschen als Partner. Versuche mit Affen haben dennoch eine denkbar schlechte Presse. Deshalb möchte ich hier hervorheben, daß viele Versuche den Affen so viel Spaß machen, daß sie sich dazu drängen und ganz und gar keine Schäden und Nachteile erleiden. (Intelligenz- und Sinnesschärfetests, Bewegungsstudien an Schimpansen in Atlanta, Saimiri in Basel, versch. Arten in SUNY, Stony Brook). Nichtsdestoweniger gibt es in der Tat Versuche, die das Versuchstier nachhaltig schädigen, ebenso wie die beschönigend so genannten “finalen Experimente”. Erfreulicherweise sprechen schon Kostengründe dafür, Schäden am Versuchstier oder gar sein Ende zu vermeiden.

Nach meinen Erfahrungen sind sehr viele der an Versuchstieren angerichteten Schäden unnötig und nur darauf zurückzuführen, daß man sich weder über die Fragestellung, noch über den zu erwartenden Erkenntnisgewinn vorher wirklich gründliche Gedanken gemacht hat. Man sollte nicht zögern, so etwas rundheraus als das zu bezeichnen, was es ist: schlechte Forschung.

Der Zweck einer Primatenzucht kann sowohl in Nachschub für Versuchszwecke bestehen, als auch in der (vorübergehenden) Erhaltung bedrohter Arten oder in der Erhaltung genetischer Vielfalt innerhalb der Arten. Zwischen den Zuchten, die für die medizinisch-pharmazeutische Industrie arbeiten, und denjenigen, die ein conservation-orientiertes Interesse an der Erhaltung einer Tierart verfolgen, besteht ein Gegensatz: Die zuletzt genannten müssen eine beträchtliche genetische Vielfalt anstreben, während standardisierte Studien über physiologische oder physiologisch-chemische Vorgänge genetisch einheitliche Versuchstiere verlangen. Gerade darin liegen erheblich Gefahren. Nach einer Zusammenstellung von B. Meier, Lennestadt (perönl. Mitt.), überleben Inzuchtstämme von Labortieren nur in wenigen Fällen auf längere Dauer, etwa 95 % der Zuchten brechen zusammen. An dieser Grenze ist allerdings noch keine Primatenhaltung angelangt.

Von den Insassen einer Primatenzucht erwartet man viele Geburten und viele Paarungen. Inzwischen ist oft bewiesen worden und hat sich auch weithin herumgesprochen, daß Primaten am fruchtbarsten sind und am wenigsten anfällig für Krankheiten oder die Entwicklung von Mängeln und Störungen, wenn sie in naturnahen Gruppen und nicht in Einzelhaft gehalten werden. Eine Verbindung von “Affenpark” und der Produktion von Nachzucht liegt deshalb nahe (wie in Strasbourg, könnte man das auch im DPZ Göttingen erwägen). Aus Gründen der züchterischen Logik können allerdings gezielte Verpaarungen erforderlich werden, welche die Partnerwahl und die gesamte Bewegungsfreiheit der Individuen einschränken.

Die besprochenen Aktivitäten der Tiere setzen Erholungspausen voraus. Diese haben in den verschiedenen Haltungen sehr verschiedene Bedeutung.

In Zoos sind die tagsüber ruhenden Tiere genau so den Besucherblicken ausgesetzt wie während ihrer Aktivitäten. Weil “Anstarren” eine Form der Drohung darstellt, können die Besucherblicke allein durchaus zu Beunruhigungen fühen, oder zu einer Flucht der Tiere in das Abschalten, den “Stressschlaf”. Besonders in kleinen Tiergesellschaften und dürftigen Käfig- Ausstattungen führt Reizarmut zu übermäßig langen Ruhepausen, weil sich die Tiere ganz einfach langweilen.

Diese Probleme haben Tiere im Zirkus weit weniger. Wegen der zeitweise sehr intensiven Arbeit mit dem Dresseur sind Ruhepausen durchaus wohltätig. Außerhalb des Trainings und der Vorstellungen werden die Tiere der allgemeinen Aufmerksamkeit entzogen, trotzdem herrscht um sie herum reges Leben, dessen Beobachtung zu ihrer Unterhaltung beiträgt.

In den Forschungslabors sorgen allein schon die meistens wenig perfektionierten Versuchsanordnungen immer wieder für - ungewollte - Erholungspausen. Nach Ende der Versuche ist manchmal eine Pause zum Verheilen von kleineren, z.B. auch Operations- Wunden erforderlich - ich denke hier an so harmlose Dinge wie Biopsien oder EMG-Studien, nicht an schreckliche Verstümmelungen!

Ein finsteres Kapitel sind indessen die versuchsfreien Zeitspannen, in denen die Tiere weitgehend sich selbst überlassen bleiben und vernachlässigt werden. Es ist kein Thema in Arbeit, das Versuche erfordert, und deshalb oft auch kein Mitarbeiter, der sich um die Tiere kümmert. Man hält die Tiere nur weiter, weil ja die Abgabe schwierig ist und in Zukunft wieder mal ein Versuch fällig werden kann. Als Folge vegetiert ein cerebral hoch entwickeltes, bewegungslustiges und soziales Tier u.U. monate- wenn nicht jahrelang einsam in einem viel zu engen, finsteren Verlies unter elenden Haltungsbedingungen dahin.

Bei Vermehrungs-Zuchten sowie in reproduktionsbiologischen Versuchen erzwingen bereits die Intervalle zwischen den Geburten, oder zwischen den Oestren der Weibchen Pausen. Auch individuelle Unverträglichkeit zwischen vorgesehenen Sexualpartnern kann zu Pausen führen, die nicht leicht zu überbrücken sind. Natürlich sind hier die Sozialverhaltensweisen zu berücksichtigen, so die “funktionelle Sterilisierung” der jüngeren Krallenaffen in einer Gruppe durch Anwesenheit der dominanten Männchen und Weibchen.

Die Fütterung der Affen kann Schauwert annehmen, was in vielen Zoos auch ausgenutzt wird und für die Tiere eine variationsreichere Ernährung mit sich bringt. Ausserdem kann das Futter unterstützend zur Dressur oder auch nur zur Beschäftigung verwendet werden (Perret, Münster, 1997). Leider werden derartige, sinnvolle Maßnahmen in den Labors nur allzu selten eingesetzt. Statt dessen herrscht die phantasie- und lieblose Verteilung von vorgefertigtem monkey chow vor, das außerdem noch billig sein muß.

Unter der Überschrift “Verwahrung” fasse ich hier alles zusammen, was die unmittelbare, räumliche Umgebung der Tiere betrifft, von der Einfassung über die Einrichtung des Käfigs bis zu den Schlafräumen.

Von den Zoos erwartet das Publikum heute eine Umgebung der Tiere, die deren natürlichen Lebensräumen zumindest oberflächlich ähnelt. Durch die vielen Fernsehfilme ist eine gewisse Sachkenntnis auf diesem Gebiet weit verbreitet. Ausserdem sollen die Gehege “schön” sein. Für den Zoo kann diese Forderung durchaus eine Belastung darstellen, weil naturähnliche Umgebung und die aus Etatgründen erforderliche Einfachheit der Pflege sich ausschließen können. Auch die von den Besuchern gewünschte Übersichtlichkeit kann leicht in Gegensatz zu den Bedingungen des Soziallebens geraten (Mantelpaviane auf den schlecht überschaubaren Inselbergen können sich aus dem Weg gehen, in besucherfreundlichen Schüsseln hingegen nicht.)

Als Einfassung sind gitterlose Freigehege sehr beliebt, weil sie den Besuchern - und ganz besonders deren Kameras - freien Einblick und die Illusion von freier Natur gewähren. Indessen werden die Gräben oft wenig oder gar nicht benutzt und stellen somit verlorenenen Raum dar (Perret, 1997). Ein besonderes Problem der Planung von Gehegen für Primaten, im Gegensatz zu vielen anderen Säugetieren, stellt die primatentypische Nutzung aller drei Dimensionen des Raumes dar. Eine Abdeckung nach oben ist oft die bessere Lösung als das Schaffen von weiten Leerräumen auch hoch über dem Boden durch Beschneiden von Bäumen. Für kleine Arten wird die Entfernung zu den Betrachtern oft zu groß. Nur ganz selten findet man Hanglagen so geschickt benutzt wie etwa bei dem Gibbongehege in der Stuttgarter Wilhelma.

Alle diese Anforderungen werden an die Haltung im Zirkus und in Forschungsstätten nicht gestellt. Das beruht teils auf der Einsicht, daß die Insassen ihre Ration an Bewegung und Anregung durch das Training bekommen, teils weil die Öffentlichkeit einfach keinen Zugang, mithin auch keine Möglichkeit zur Kontrolle hat. Das gilt besonders für die Labors und die Zuchteinrichtungen. Ob die bei zirkusähnlichen Haltungen übliche Vereinzelung der Tiere wirklich erforderlich ist, möchte ich eher bezweifeln.

In beiden Zusammenhängen sind deshalb - vorgeblich - rationelle, billige, arbeitssparende Lösungen möglich und üblich. Eine von ihnen, Gitter, sind für Primaten nicht nur Begrenzungen, sondern gleichzeitig auch Substrate für die Fortbewegung - vorausgesetzt, daß kein bösartiger Nachbar in die Finger beißen kann. An der Unterseite eines Behälters angebracht, lassen Gitter auch die Exkremente schnell verschwinden. Aber Gitterböden sind keineswegs für alle Affenarten zuträglich, viele unter den leicht zu haltenden Formen sind überwiegend Bodenbewohner!

Leider hat dieser entlastende Umstand auch zur Einführung der schauderhaften, engen Gitterkisten in ganzen Batterien geführt, die in Großserien produziert mit niedrigen Preisen, Sicherheit, geringem Arbeitsbedarf und Hygiene locken. Hier besteht ganz entschieden ein Bedarf an Verbesserungen. Daß es auch anders geht, haben z.B. vor Jahren das MPI f. Psychiatrie in München oder die Fa. Hoffmann-La Roche in Basel durch Gemeinschaftshaltung der Versuchstiere in Gruppen gezéigt.

Ein ganz entscheidender Faktor für die ihrer Natur nach teure Primatenhaltung ist die Finanzierung. Da die Tiere langlebig sind und eine geringe Vermehrungsrate haben, ist insbesondere die Dauer der Finanzierung von größter Wichtigkeit. Sie hat unmittelbare Rückwirkungen auf die Betreuung durch Tierpfleger.

Die Fakten sind schnell dargestellt: Zoo und Zirkus sind langfristig finanziert -gleich ob privat oder kommunal - , Personal ist vorhanden, wenn auch vielleicht nicht in dem wünschenswerten Umfang. Vermehrungs- und Erhaltungs-Zuchten müssen wegen der langen Lebensdauer der Primaten und wegen ihrer geringen Vermehrungsraten ebenfalls langfristig angelegt sein.

Forschungslaborsgleich welcher Art arbeiten immer projektbezogen, das heißt kurzfristig. Das gilt für universitätsnahe Einrichtungen ebenso wie für die Industrie.

Um einen Eindruck zu geben was das heißt: der wichtigste Sponsor für die Forschung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligt nur für 2, nur selten für 3-Jahres-Intervalle. Auch wenn die vorangegangenen Planungen von vorn herein längere Fristen für erforderlich hielten, oder wenn Sonderprogramme durchgeführt werden, ist man in der Praxis auf die Entscheidungen der immer wieder anders zusammengesetzten Bewilligungs-Ausschüsse angewiesen. Die Jahresetats der Institute sind verläßlichere Größen, werden offiziell aber auch nur für 1-Jahres-Intervalle vergeben. Sie reichen in aller Regel nicht für die Haltung von Primaten. Wird diese dennoch eingerichtet, so steht sie spätestens bei der Neubesetzung eines Lehrstuhls wieder zur Disposition. Zumindest wird ein unproportioniert hoher Anteil an Arbeitskraft durch die pausenlos andauernden Bemühungen um den Erhalt der Primatenkolonien verbraucht.

In Deutschland gab es bisher allein das DPZ, das sich längerfristige Planungen leisten konnte, in der Zukunft hoffentlich auch das neue MPI für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Eine Lösung des Problems könnte in einer engen, langfristigen Zusammenarbeit mit einem am gleichen Ort gelegenen Zoo bestehen, in dem die Affen leben, die nur kurzfristig an das Labor ausgeliehen werden. Auch eine Durchführung von weniger komplizierten Experimenten im Zoo hat sich an vielen Orten hervorragend bewährt, insbesondere wenn die Zoobesucher über den Sinn der Versuche aufgeklärt werden.

Industrielabors sind vom Konzept her sicherlich nicht so extrem kurzfristig in der Planung, aber eben auch projekt-gebunden. Vielleicht macht man sich dort weniger Gedanken um die Tiere, kauft sie und gibt sie ab, je nach Bedarf. Die reine Nutzer-Mentalität der Industrie hat schon zur Ausrottung ganzer Primaten-Populationen geführt.

Die Gründe, die eine Abschaffung von Primaten nahe legen, sind vielfältig und betreffen Individuen in unterschiedlichem Alter: Übervölkerung des vorhandenen Raumes im “Zoo”; Veränderungen der körperlichen Stärke oder zunehmende Aggressivität im “Zirkus”, hartnäckige Infektionen, Stoffwechselerkrankungen oder allzuviele Wunden von Eingriffen, Sterilität in Zuchten; Verlust an Schönheit oder Spuren von Erkrankungen oder Verletzungen in Schaustellungen; Wechsel der Arbeitsgebiete in wissenschaftlichen Einrichtungen, etc.

In allen Fällen stellt sich das große Problem: wohin mit den überzähligen Tieren? Wegen der langen Lebensdauer der Tiere kann man mit einem Wegsterben in überschaubarer Zeit meist nicht rechnen. Sei es überschüssiger Nachwuchs oder Individuen, welche die ihnen zugedachten Funktionen nicht mehr erfüllen können, als Endstation denkt man meistens an Zoos - die aber über unansehnliche Veteranen, womöglich noch mit Verhaltensstörungen, gar nicht erfreut sind. Es bleiben spezielle Asyle, oder Auffangstationen, bei denen aber die Frage der Finanzierung schwer zu lösen ist.

Wenn wir uns von den Bedingungen der Haltung weg- und den Interessen der Forschung zuwenden, ergibt sich der Überblick in der Tabelle 2. In den Spalten sind wieder die Haltungen dargestellt, und in den Zeilen die Forschungsgebiete. Auch wenn die Zusammenstellung sehr grob ist, ergibt sich ein recht deutliches Bild, das Möglichkeiten und Probleme klar hervortreten läßt.

Die alte Morphologie hat nur an toten Tieren gearbeitet. Zur Gewinnung spezieller mikroskopischer Präparate werden auch heute noch gelegentlich Tiere getötet. Überwiegend fragt man indessen heute nicht nur, wie ein Organismus beschaffen ist, sondern auch wie er seine biomechanischen Leistungen vollbringt und aus welchen Gründen seine Form zustande gekommen ist. Deshalb hat sie sich ausgedehnt auf die Bewegungsforschung am intakten, lebenden Organismus, d.h. die Grundlage allen Verhaltens.

Die Belastung der Versuchstiere ist gering, schon deshalb, weil experimentelle Eingriffe den gesuchten Ablauf der Bewegungen unweigerlich stören.

Wie auch bei den dressierten “Zirkus”tieren ist die in den Labors schwer zu vermeidende Einzelhaltung unerfreulich. Zumindest während der Versuche kann sie durch das erforderliche Training etwas abgemildert werden. Jedenfalls ist hier das Verantwortungsbewußtsein und der Einfallsreichtum der Halter gefragt.

Insgesamt hat die experimentelle Arbeit mit Zielsetzungen in der Physiologie erheblich an Umfang verloren. Da die Lebensfunktionen bei allen Säugetieren ähnlich sind, werden die meisten physiologischen und biochemischen Studien nicht an den schwer zu beschaffenden Affen durchgeführt, sondern an billigeren Versuchstieren - oder direkt am Menschen, wenn sie nicht bedenklich oder gar gefährlich sind. Die Einsicht, die Versuchspersonen in den Sinn der Untersuchung haben, läßt sie vielerlei Belastungen und auch Beschwerden leichter ertragen als ein Versuchstier.

Nur auf wenigen Gebieten wird in Experimenten immer wieder auf Primaten, insbesondere Affen zurückgegriffen. Das gilt zunächst auf dem Gebiet der Sinnesleistungen und der Neurobiologie. Das liegt daran, daß die Sinnesorgane und die Primatengehirne untereinander sehr ähnlich sind und auf sehr ähnliche Weise funktionieren. Da sich fast alle Forschungsfragen letztenendes auf unsere eigenen cerebralen Fähigkeiten konzentrieren, liefern Studien an Affen in jedem Fall mehr und bessere Auskünfte als solche an anderen Säugetieren.

Welche Empfindungen die Reizableitungen aus dem Gehirn bei dem Versuchstier hervorrufen, weiß heute niemand genau zu sagen.

In der Reproduktionsbiologie laufen sowohl Ovulation und weiblicher Zyklus, als auch Plazentation und Embryonalentwicklung bei den Angehörigen anderer Säugetierordnungen anders ab als bei Primaten. Deshalb kann auf Primaten als Versuchstiere nicht verzichtet werden.

Die den Tieren zugemuteten Versuchsmethoden reichen von harmlosen Abstrichen bis zu vielfach wiederholten großen Operationen.

Molekularbiologische Ansätze spielen bisher vor allem in 3 Bereichen der Primatenforschung eine Rolle:

- Bei den Versuchen, das menschliche Genom aufzuklären - wobei naturgemäß auch wieder die Kenntnis unserer nächsten Verwandten wichtig ist.

- In der Überprüfung der phylogenetischen Verwandtschaftsverhältnisse.

- Für die genetischen Konsequenzen des Sozialverhaltens (= von wem stammen die Kinder ab, welche Verwandtschaftsgrade bestehen zwischen Angehörigen einer Gruppe?). Eine Kombination mit Studien des Sozialverhaltens potenziert die Aussagekraft! (Kuester, 1999, Paul, 1997).

Was man von den Primaten braucht, sind neben Ausscheidungen oder Haaren lediglich Blut- oder kleine Gewebsproben. Bei Labortieren ist deren Entnahme keine Schwierigkeit. Bei weitgehend uneingeschränkt lebenden Insassen von Zoos oder Zuchtkolonien verursacht der Fang und die Immobilisierung oder Narkose jedoch erheblichen Stress.

Völlig unentbehrlich sind lebende, in ihren Aktionen möglichst wenig eingeschränkte Primaten für Verhaltensstudien. Hierunter zähle ich auch die Versuche, die kognitiven Fähigkeiten der Tierprimaten (z.B. “Sprache”) zu entschlüsseln. Die großen Fortschritte der letzten Jahrzehnte sind an Tieren erzielt worden, die aus dem berüchtigten monkey chair befreit, bei größter Bewegungsfreiheit zur Mitarbeit motiviert werden konnten.

Für andere, sehr ertragreiche Studien sind Tiere erforderlich, die in ihrem natürlichen Sozialverband leben und denen ihre Umwelt das Realisieren, das “Ausleben” aller möglichen Verhaltensweisen erlaubt. Solche Studien werden heute gerne an frei lebenden Tieren gemacht. I ndessen sind Feinheiten, wie Mimik und Gestik, sowie die Aufklärung von Funktionen bestimmter Verhaltensweisen an gefangen gehaltenen Tieren weit besser und genauer zu ermitteln als im Freiland.

Aus den skizzierten Bedingungen geht hervor, daß die “Versuchstiere” in solchen Studien nicht mehr beansprucht werden, als das Leben in einem Sozialverband nun mal mit sich bringt.

Hier grenzt unmittelbar das Sozialverhalten an, das ich wegen des Umfangs der Forschungsfragen und wegen der besonderen Bedingungen abtrenne. Studien an gefangen gehaltenen Tieren ermöglichen tiefgreifende Analysen, haben aber immer den Schwachpunkt, daß die Zusammensetzung der jeweiligen Gruppe vorgegeben ist. Die Individuen können weder auswandern, noch können Tiere von außen in die Gruppe eindringen.

Das kann durchaus auch zu Katastrophen für Individuen (de Waal, 1989) oder auch die gesamte Gruppe führen. Obgleich man bedenkliche Entwicklungen bei sorgfältiger und kontinuierlicher Beobachtung durch geeignete Eingriffe in die Gruppenstruktur verhindern könnte, wird die Gefahr nur allzu oft als Anlass für Einzelhaltung oder Haltung in unnatürlich kleinen Gruppen genommen.

Die ökologischen Einflüsse, denen Primatenpopulationen ausgesetzt sind, oder die Primaten auf ihre Umgebung ausüben, können nur an frei lebenden Populationen geprüft werden. Das gehört nicht in unseren Zusammenhang.

Als Fazit dieser Übersicht scheinen mir drei Punkte wichtig zu sein:

1. Auch ihrer Natur nach profitorientierte (Industrie) und von der Anlage her unterfinanzierte Primatenhaltungen (Forschung) sollten sich verpflichtet sehen, einigermaßen tiergerechte Bedingungen herzustellen und einzuhalten. In manchen, nur allzu verbeiteten Haltungsbedingungen steckt eine lebensverachtende Grausamkeit.

2. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Haltern und Wissenschaftlern ist zum allseitigen Nutzen möglich. Zum (vorübergehenden?) Ausleihen von Tieren müssen auch einmal Besitzansprüche hintangesetzt und es muß zumindest kurzzeitig auf überzogene Anforderungen an die Haltung verzichtet werden. Einfacher kann die Zusammenarbeit sein, wenn die Wissenschaftler zu den Tieren gehen und ihre Beobachtungen oder unkomplizierte Versuche am Ort vornehmen. Die Information des Publikums über die Ziele der Arbeit kann die Attraktivität des Zoos durchaus steigern.

3. Im Sinne der Satzungen der International Primatological Society sowie der Gesellschaft für Primatologie solltenVersuche, die in die Integrität eines Versuchstieres eingreifen, vermieden und umgangen werden. Auf jeden Fall ist der erwartete und erhoffte Kenntnisgewinn sehr sorgfältig den möglichen Leiden des Versuchstieres gegenüber zu stellen. Als Maß können die Verletzungen dienen, die sich sozial lebende Tiere untereinander beibringen, wenn keine extremen Bedingungnen vorliegen. Vor dem Entschluß, einen das Tier schädigenden Versuch durchzuführen, sind unbedingt alle theoretischen Möglichkeiten zur rechnerischen Aufklärung der Sachverhalte oder zu in-vitro-Versuchen auszuschöpfen. Klar gestellte und eindeutige Fragen sind unabdingbare Voraussetzungen für jeden Versuch. Wissenschaftliche Zeitschriften sollten nur Artikel annehmen, die dieser Forderung genügen.

Danksagung

Frau Helga Schulze hat dieses Manuskript gelesen und viel Anregungen zu seiner Verbesserung gegeben. Von ihr habe ich gelernt, wieviel liebevolles Eingehen auch bei schwierigen Pfleglingen bewirken kann.

Zitierte Schriften:

de Waal, F., 1989: Wilde Diplomaten. - C. Hanser Verlag, München.

Küster, J., 1998: Konkurrenz und Kooperation bei Berberaffen (Macaca sylvanus):

Untersuchungen zum Konfliktmanagement einer nichtmenschlichen

Primatenart. Habilitationsschrift Bochum.

Paul, A., 1997: Soziobiologie des Berberaffen (Macaca sylvanus):

Geschlechtsrelevante Reproduktionsstrategien einer nichtmenschlichen

Primatenart. Habilitationsschrift Böttingen.

Paul, A., 1998: Von Affen und Menschen: Verhaltensbiologie der Primaten.

Darmstadt.

Perret, P., 1997: Environmental enrichment. Einfluß verschiedener

Beschäftigungsmaßnahmen auf das Verhalten von Schimpansen (P.

troglodytes) im Zoo. Schüling-Verlag, Münster