Maßstäbe für eine in die Zukunft weisende Weiterentwicklung der in der Deutschen Tierpark Gesellschaft e.V. zusammengeschlossenen Tierparks

Mit dem Einengen menschlicher Lebensräume zwischen Beton und Asphalt ist der Bedürfnis der Menschen gewachsen, der Natur in Gestalt von Tieren und Pflanzen zu begegnen. So verwundert es nicht, daß die Tiergarten gewissermaßen zu "Notausgängen zur Natur" geworden sind. Mehr als 100 Millionen Besucher verzeichnen alljährlich die europäischen Zoos und Tierparks. In einer Zeit dramatischer Umweltveränderungen lassen sich daraus die Visionen für eine zeitgemäße und zukunftsorientierte Weiterentwicklung der Tierparks entwerfen. Es gilt eine moderne Wildtierhaltung ganzheitlicher zu sehen und sie durch zoo- und umweltpädagogische Angebote in ein neues Tierparkkonzept einzubetten, das Mensch und Natur wieder zusammenführen hilft. Die Tiergärten könnten so neben ihrer Erholungsfunktion noch mehr als bisher zu außerschulischen Einrichtungen werden, die sich in hohem Maß volkstümlichen Bildungsaufgaben im Natur- und Umweltschutz zuwenden.

Unter diesem Blickwinkel hat eine Arbeitsgruppe der Deutschen Tierpark Gesellschaft zur Weiterentwicklung der Tierparks die nachfolgenden Leitziele formuliert:

I. Nicht nur Tiere, sondern Tierleben zeigen

Unsere Legitimation als Tierparks wird in Zukunft sehr davon abhängen, ob es uns gelingt, unsere Tierhaltung an den Bedürfnissen der Tiere auszurichten und den Vorbehalt von Kritikern auszuräumen, wir seien "Endverbraucher" von in großer Zahl in ihren Ursprungsländern gefangenen Wildtieren.

Die Wildtierhaltung der Zukunft braucht, wenn sie auf öffentliche Akzeptanz wert legt, so naturnah wie möglich gestaltete Unterkünfte mit Infrastrukturen, die den Tieren das Ausleben natürlicher Verhaltensweisen ermöglichen.

Dennoch wird ein Gehege, eine Voliere oder auch eine große Freianlage letztlich immer nur Ersatzlebensraum für die darin lebenden Wildtiere sein. Wenn sie der Besucher dort aber in ihrem natürlichen Verhalten z.B. bei der Nahrungsaufnahme, der Jungenaufzucht, im Umgang mit Artgenossen oder mit anderen Tieren ihres ursprünglichen Lebensraums beobachten kann, wird er sie nicht als "Gefangene" empfinden und für Naturerlebnisse offen sein.

Zielbeschreibung

Für unsere Besucher soll die Begegnung mit den Tieren eindrucksvoll sein. Sie soll sie neugierig und bereit machen, mehr über Natur und Naturzusammenhänge erfahren zu wollen. Gegenüber den Kritikern jeglicher Wildtierhaltung soll die Akzeptanz verbessert werden!

Wege zum Ziel

1. Haltungsbedingungen unserer Tiere überprüfen

a. Mindestanforderungen müssen uns im Regelfall die aktuellen behördlichen Richtlinien sein.

b. Wo die Mindestanforderung noch nicht gegeben ist, muß entweder auf die weitere Haltung dieser Tiere verzichtet oder mit der zuständigen Aufsichtsbehörde ein verbindlicher Zeitplan bis zur Behebung der Mängel festgelegt werden.

c. Wo aus technischen, räumlichen oder aus anderen Gründen kurzfristig keine zeitgemäßen Lösungen gefunden werden können, müssen für eine Übergangszeit Kompromisse akzeptiert werden. In solchen Fällen müssen die Besucher in geeigneter Weise über Hintergründe und geplante Lösungen informiert werden.

2. Verbesserung der öffentlichen Akzeptanz durch weitergehende Verbesserung der Haltungsbedingungen

a. Besucherbefragungen zur Gestaltung unserer Tierhaltung durchführen und deren Vorschläge ernst nehmen, wenn möglich aufgreifen.

b. Alle Verbesserungsmaßnahmen an den EAZA-Richtlinien zur Unterbringung und Pflege von Tieren in Zoos ausrichten.

c. Die Haltung von Wildfängen verringern, wenn möglich ganz darauf verzichten.

d. Planmäßige und kontinuierliche Mitarbeiterschulung zur Verbesserung ihrer fachlichen und zur Stärkung ihrer konzeptionellen Kompetenzen durchführen.

II: Naturschutz als Bildungsauftrag sehen

Tiere und Pflanzen sind wie wir Menschen Ergebnis eines evolutionären Prozesses auf unserem Planeten. In gegenseitiger Abhängigkeit stellen sie mit uns und wir mit ihnen ein Netzwerk lebender Organismen dar, dessen Erhaltung für alle - auch für uns Menschen - von überlebenswichtiger Bedeutung ist.

In den modernen Industriegesellschaften haben sich die Menschen von der Natur wegentwickelt. Kaum jemand kennt noch die Tiere und Pflanzen seiner Heimat, weiß etwas von den gegenseitigen "Abhängigkeiten" oder kann den Begriff des "Gleichgewichts in der Natur" richtig einschätzen. Gerade dies aber ist notwendig, wenn die immer drängenderen von uns Menschen fabrizierten Umweltprobleme gelöst werden sollen.

Wer könnte für diese Aufgaben besser als wir zum außerschulischen Lernort werden?

Zielbeschreibung

Die Eindrücke, die wir unseren Besuchern vermitteln wollen, sollen sie wieder näher an die Natur heranführen und sie für ökologische Zusammenhänge interessieren.

Bei den Naturschutzorganisationen unseres Umfeldes soll die Bereitschaft zur Kooperation mit uns gefordert werden.

Wege zum Ziel

1. Die Informationen über die Tiere des Parks, ihre Lebensräume und ihre Gefährdung müssen für die Besucher interessanter gestaltet und pädagogisch besser aufbereitet werden. Dabei müssen wir sie in ihrem Wissen dort abholen, wo sie stehen, gleichgültig welches biologische Vorwissen sie mitbringen.

2. Durch die Beteiligung an Erhaltungszuchtprogrammen werden unsere Tiere zur Genreserve und zu Stellvertretern für ihre und andere bedrohte Arten, werben mit uns für ihren Schutz und für die Erhaltung der Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten auf unserer Erde.

3. Über ein Naturschutzprojekt, das wir fordern, informieren wir unsere Besucher ausführlich und laden sie ein, sich mit eigenen Spenden daran zu beteiligen.

4. Den Verbänden und Vereinen unserer Region, die sich dem Naturschutz verschrieben haben, bieten wir im Park die Möglichkeit der Selbstdarstellung und stimmen unsere Naturschutzarbeit mit ihnen ab.

5. Eine weitergehende zoo- und umweltpädagogische Öffentlichkeitsarbeit macht eine enge Kooperation mit möglichst vielen Mitgliedern in der DTG unter Einbeziehung geeigneter Partner wünschenswert. Dies sollte so bald wie möglich mit der Gründung einer entsprechender Arbeitsgemeinschaft in die Wege geleitet werden.

III. Wie gehen wir vor, um die beschriebenen Ziele zu verwirklichen?

Viele unserer Tierparks blicken bereits auf eine jahrzehntelange Geschichte zurück. Ihr heutiger Ausbaustand ist das Ergebnis eines von Hohen und Tiefen begleiteten Entwicklungsprozesses. So wird auch ihre Weiterentwicklung im Sinne des hier beschriebenen Konzepts nicht von heute auf morgen zu realisieren sein. Bei dieser Aussage dürfen aber keine Mißverständnisse entstehen: Für den Wandel, dem wir uns stellen müssen, gibt es Maßnahmen, die wir Schritt für Schritt in Angriff nehmen können, und andere, die schnellstens eingeleitet werden müssen und keinen Aufschub dulden!

Der erste Schritt ist für alle DTG-Mitglieder "Pflicht"

Hier geht es um die Erfüllung der Haltungsbedingungen nach den geltenden Mindestrichtlinien der Aufsichtsbehörden. Diese Hürde muß sich jedes Mitglied zur Pflicht machen und schnellstmöglich alles Erforderliche tun, um sie im Einvernehmen mit der Behörde zu meistern. Die DTG muß im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit und ihres Ansehens darüber wachen, daß im Regelfall keins ihrer Mitglieder im Streit mit den Behörden die Mindestrichtlinien mißachtet. In Fällen möglicher Behördenwillkur prüft sie die Sachlage und benennt dem bedrängten Mitglied gegebenenfalls kompetenten, juristischen Beistand.

Zielbeschreibung

Jeder Mitgliedspark in der DTG legt dem Vorstand alsbald entweder die amtliche Betriebsgenehmigung oder eine entsprechende Stellungnahme seiner Behörde vor, aus der hervorgeht, mit welchen Auflagen zu den Haltungsbedingungen der Tiere dem Betrieb zugestimmt wird.

Ein zu bildender Gutachter- und Beraterausschuß laßt sich daraufhin einen Zeitplan zur Erfüllung der Auflagen vorlegen und fordert danach den amtlichen Bescheid, mit dem die Erfüllung der Auflagen bescheinigt wird.

Der zweite Schritt in der Weiterentwicklung unserer Parks ist als "Kur" zu sehen und unterliegt keinen zeitlichen Vorgaben

Hier geht es um die zusätzlichen Verbesserungen der Haltungsbedingungen unserer Tiere und um den Ausbau zoo- und umweltpädagogischer Angebote für unsere Besucher.

Der zu bildende Gutachter- und Beraterausschuß erstellt eine Checkliste mit einem Punkteschlüssel, die von der Mitgliederversammlung zu beschließen sein wird und jedem Mitglied zur Verfugung gestellt wird.

Wenn ein Park seinen Ausbaustand so weit entwickelt hat, daß er mit einer Auszeichnung durch die DTG rechnen kann, beantragt er eine entsprechende Begutachtung. Beim Erreichen von mindestens 80 der mit 100 ausgestatteten Checkliste wird die Auszeichnung durch den Vorstand mit der Aushändigung einer Urkunde sowie einer Plakette öffentlich ausgesprochen. Die Plakette tragt die Aufschrift "Ausgezeichneter Park in der Deutschen Tierpark Gesellschaft" und kann am Eingangstor des Parks befestigt werden. Sie darf dort für die Dauer von fünf Jahren verbleiben, sofern nicht zwischenzeitlich ein Besitzer- bzw. Inhaberwechsel stattfindet.

So bald wie möglich wird die DTG ihre jährlichen Mitglieder- und Seminarveranstaltungen nur noch an den Standorten der von ihr ausgezeichneten Tierparks durchführen.

 

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