Vortrag bei der Zookunft-Tagung in Hannover

vom 21.-23. Februar 1997

 

"Klares Zookonzept als Erfolgsrezept"

In Zoozeiten wie diesen sinken vielerorts die Besucherzahlen, massive Kritik ist hörbar und zahlreiche Zoos suchen ihre eigene Identität. Vor einigen Jahren stand der Schönbrunner Tiergarten häufig in den Pressemedien, allerdings als herunter gewirtschafteter Problemzoo, an dessen Gittertore sich Mitglieder von Tierschutzorganisationen anketteten.

Heute ist der älteste Tiergarten der Welt, 1752 gegründet, wieder täglich in den Medien vertreten, dieses Mal aber als Herzeigezoo, inzwischen wiederentdeckter Liebling der Bevölkerung und Vorzeigeprojekt des Bundes und der Stadt Wien. Auch der Tourist ist zunehmend Gast im Tiergarten Schönbrunn.

Fünf Jahre nach der Wende sind stolz die Resultate vorzuweisen: 90 % Besucherzahlenerhöhung und ein Anstieg der Eigenfinanzierung von 30 % auf beinahe 90 %. Nun kurz das Rezept, vorerst aber die Zutaten:

1. Änderung der Organisation vom staatlichen Zoo zu einer Teilprivatisierung.

2. Auswechseln der Führungsmannschaft.

3. Das Wichtigste - ein alleinverantwortlicher Geschäftsführer oder Direktor mit fachlicher Kompetenz.

4. Dazu ein Führungsteam bzw. ein Stab von Kuratoren, der bereit ist, bis zu 16 Stunden am Tag zu arbeiten und fachlich in der Lage ist, als Team das zoologische, veterinäre und technische Know How einzubringen. Basis ist die Teamarbeit und die regelmäßig durchzuführende Absprache.

 

Aus diesen Zutaten läßt sich ein Zookonzept entwickeln.

1. Im arealmäßig begrenzten Stadtzoo ist es Ziel, Arten zu reduzieren und selektiv die Haltung zu optimieren. Kurzfristig sofort sichtbaren Projekten folgen langfristige Großprojekte. Mit sogenannten Erste Hilfe-Aktionen, wie Möblierung von Tieranlagen, kann gezeigt werden, daß qualitative Veränderungen in kurzer Zeit und ohne großen Geldaufwand möglich sind. Damit aktiviert man das Interesse der Leute und zeigt, daß mit Gefühl, handwerklichem Geschick und Einsatz der gesamten Mannschaft Vieles zu ändern ist. So ist es möglich, mit kleinen Projekten die Qualifizierung der Tierhaltung zu promoten und sich auf größere Projekte zu stürzen.

2. Ziel ist es gleichzeitig die Infrastruktur und die interne Organisation zu modernisieren. Das beginnt bei der Futtermittelkonzeption und endet bei z. B. behindertengerechten Besucher-WC-Anlagen.

3. Ziel: Promotion rund um die Uhr. Bei vielen Vorträgen hört man, "man sollte, man müßte, man könnte", unser Team tut es einfach, und das mit Erfolg.

 

Mit kleinen Herzeigeprojekten begann alles, die Akzeptanz bei der Bevölkerung und schließlich auch bei den Tierschutzorganisationen ist gewaltig entwickelt worden. Wir ernten von diesen Organisationen keine Kritiken sondern finanzielle Unterstützung und Patenschaften.

Erst in einem derartigen Zustand, in dem sich der Tiergarten Schönbrunn nun befindet, ist es für einen Zoo auch möglich, seine primären Verpflichtungen - Bildung, Forschung, Arten- aber auch Naturschutz zu erfüllen. So ist der Tiergarten Schönbrunn in der Lage, eigene wissenschaftliche Arbeiten durchzuführen, aber auch Arbeiten außerhalb zu organisieren, zu unterstützen und zu fördern, und sogar Freilandarbeiten zu initiieren.

Zu dem jetzigen Zeitpunkt sind gerade zwei Tierärzte nach Afrika auf einen Noteinsatz geschickt worden, um im Gombe Nationalpark von Wilderern schwer verletzte Paviane zu darten und zu behandeln. Auf einen Hilferuf von Jane Goodall konnte hier innerhalb von einem Tag reagiert werden.

In diesem Entwicklungszustand kann gesellschaftspolitische Verantwortung übernommen werden. So entstanden in den letzten Jahren Richtlinien für die Haltung von Reptilien, speziell für Schildkröten, aber auch Richtlinien für Mindestanforderungen für die Haltung von Wildtieren in Zirkussen.

Der moderne Zoo ist einfach weg vom Sammelsurium und Aneinanderreihen von zahllosen Arten, die nur Spezialisten ansprechen. Ein Zoo hat nur eine Überlebenschance, wenn er als Erlebnisbereich fungiert und als dieser akzeptiert wird, wobei der Bildungs- und der Informationsfaktor geschickt zu verpacken ist. Es zeigt sich, daß solche Zoos Zuspruch haben und die Besucherzahlen ansteigen.

Erst dann kann aktiv die Institution Zoo, Arten- und Naturschutz betreiben und sich auch für in-Situ-Projekte stark machen.

Zahlreiche Zooverwaltungen laufen jahrelang frustriert der Finanzierung von großen Projekten nach, in einer tatsächlich aussichtslosen Situation der europaweit eingeführten Sparpakete. Unterdessen verfällt aber die Substanz des gesamten Zoos.

Wie in Wien bewiesen wurde, bedarf es zur sofortigen Optimierung der Haltungsqualität in veralteten Tieranlagen oft nur basaler Kenntnisse über Exotenhaltung, mutiger Ideen zur Umsetzung und ein paar geschickter motivierter Tierpfleger und Handwerker. Aus tennisplatzähnlichen Gehegen entstanden so mit Substrat, Pflanzen, Holz und Steinen strukturierte Lebensraumausschnitte z. B. für Hirscheber, Halsbandpekaris, Zebras, Kamele aber auch Nashornleguane, Syrischen Bären, Lamas und Maras, Brillenbären, Pandabären, Bisons, Löwen, Flußpferde, Berberaffen und Mähnenspringer. Zu den adaptierten Anlagen gehören auch ein neuer Kinderspielplatz und eine Haflinger-Reitbahn, eine Wolfsanlage und eine Eulenanlage im Wald, ein Bienenwagen, Pferdeboxen und -koppeln, Um- und Zubau bei der Neptunkassa und auch der Umbau im Hietzinger Kassa Eingangs- u. Ausgangsbereich. Mit daraus resultierender Akzeptanz durch den Besucher und Anerkennung durch Öffentlichkeit und Behörden und gleichzeitig perfekter Promotion folgten zahlreiche Großprojekte.

Nach den ersten 5 Jahren konnte in Rekordzeit die erste Ausbaustufe abgeschlossen werden. Ein modernisierter und vergrößerter Wirtschaftshof, ein Musterbauernhof, neue Anlagen für Kleinaffen, Menschenaffen, Großkatzen und die modernste Elefantenanlage Europas sind in einem Zeitraum fertiggestellt worden, den andere Zoos üblicherweise allein für die Planung für eines dieser Großprojekte benötigen würden.

Mit Abschluß der 1. Ausbaustufe konnte sofort die 2. gestartet werden. So ist der Nachbau des historischen Erzherzog Johann Hauses als Gasthaus und die neue Mandrillanlage kurz vor der Fertigstellung.

Es folgen die Totalsanierung und der Ausbau des Aquarien- und Terrarienhauses, der Umbau des Singvogelhauses und der Greifvogelvoliere, das Wegegestaltungsprojekt und schließlich der Bau eines Regenwaldhauses. Ein eingespieltes Team von Biologen, Zoopädagogen, Veterinären, Architekten, Technikern und Tierpflegern garantieren die Verwirklichung in tiergerechter aber auch wirtschaftlicher und trotzdem gediegener Ausführung. Der Abschluß der zweiten Phase ist im Jahre 2002 vorgesehen, denn dann wird der Tiergarten Schönbrunn, für den 1992 eine Zukunft begann, als ältester Zoo der Welt 250 Jahre alt.

Dr. Harald Schwammer, Kurator für Wissenschaft, Planung und Bau, Schönbrunner Tiergarten-GmbH