Geld is nicht alles -über teures, billiges und preiswertes Bauen im Zoo

Dr. Wolfgang Salzert, Tierpark Rheine

 

Ich halte nicht viel von der Einteilung der Zoowelt in diese zwei Kategorien - in die gewinnorientierten Privatbetriebe auf der einen Seite und die subventionierten gemeinnützigen Zoos auf der anderen Seite.

Kein Zoo kann bei seiner Arbeit den wirtschaftlichen Aspekt gänzlich vernachlässigen. Alle Zoos müssen, wenn auch aus nicht ganz identischen Gründen, Besucher anziehen und Geld verdienen. Sie müssen alle Geld verdienen, um existieren zu können, aber auch, um ihre gemeinnützigen Aufgaben wahrnehmen zu können, für die der Steuerzahler nur teilweise bemüht werden kann. Und sie müssen alle möglichst viele Besucher anziehen: In jedem Falle, weil sie deren Eintrittsgelder benötigen, aber auch, weil ein volksbildenden Einrichtung nur effizient sein kann, wenn das zu bildende Volk sie auch besucht.

Von daher stehen alle Zoos, ob öffentliche oder privat, zunächst einmal vor derselben Aufgabe: Sie müssen mit möglichst geringen Investitionen und möglichst niedrigen Folgekosten eine möglichst hohe Attraktivität und dadurch hohe Einnahmen erzielen, um so eine wirtschaftlich gesunde Basis für die weitere Entfaltung zu sichern. Verkürzt ausgedrückt: Sie müssen mit möglichst wenig Tier möglichst viel Attraktivität produzieren.

Wenn wir also die Zoowelt in verschiedene Kategorien einordnen wollen, dann könnte man dies zum Beispiel unter dem langfristig wohl wichtigsten Aspekt tun, nämlich entsprechend der baulichen Struktur des ganzen Zoos oder seiner Bestandteile, der einzelnen Gehege. Man könnte danach eine Einordnung in vier Schubladen vornehmen:

1) Es stand viel Geld zur Verfügung, und damit wurde etwas gebaut, was sich auch bezahlt macht, was also von angemessener tiergärtnerischer, schautechnischer, didaktischer und wirtschaftlicher Qualität. Das wären also die Zoos oder die Zoobauten, die zwar teuer sind, aber ihren Preis wert. Nennen wir es die Option teures, aber preiswertes Bauen.

2) Dann gibt es Zoos, die verbauen ebenfalls viel Geld, aber das Ergebnis ist eben nur teuer, aber wenig überzeugend, jedenfalls seinen Preis nicht wert - vielleicht sogar ein richtiger Flop. Das wäre die Option "teuer im doppelten Sinne".

3) Man kann drittens auch billige Flops bauen, also billige Bauten und Gehege, die unter dem Strich keinen Nutzen bringen und die die Gesamteinrichtung mehr belasten als daß sie ihr weiterhelfen.

4) Tröstlicherweise gibt es auch Zoos, die nur über sehr begrenzte Mittel verfügen, aber trotzdem erfolgreich sind. Ein prominentes Beispiel ist der Wildlife Trust auf Jersey. Die Insellage setzt der möglichen Besucherzahl und damit den Finanzierungsmöglichkeiten enge Grenzen. Trotzdem wurden dort mit geringen Mitteln viele tiergärtnerisch vorbildliche Gehege errichtet. Dort und an vielen anderen Stellen verstand man sich also darauf, nicht nur billig sondern auch preiswert zu bauen.

Geld ist also auch im Zoo wie überall im Leben nicht alles. Beim bauen ist ein kompetenter Planer der entscheidende Faktor. Kompetenz, das bedeutet nicht nur Sattelfestigkeit als "normaler" Architekt. Man muß auch sehr viel von der "Kunst der Verpackung", also der attraktiven Tierpräsentation verstehen. Das ist ein eigenes, sehr komplexes Kapitel. Man muß außerdem sehr gut über die tiergärtnerisch-biologischen Ansprüche der zu haltenden Tierarten Bescheid wissen, und das ist ein noch schwierigeres da noch komplexeres Kapitel.

Ob billig oder teuer, ohne diese solide fachliche Basis kann man keine efolgreichen Zoogehege oder Zoos konzipieren. Wenn man auf tiergärtnerische Einrichtungen stößt, die mehr oder weniger erfolglos vor sich hin laborieren, wird man immer feststellen, daß, aus welchen Gründen auch immer, keine der jeweiligen Situation angemessene Konzeption entwickelt worden ist, es fehlte das spezifische Know-How.

Solche Fälle sind nicht selten, und das darf nicht verwundern, denn noch gibt es keinen Ort, an dem man Tiergärtnerei mit allen ihren Tätigkeitsfacetten systematisch erlernen kann, und dazu gehört ganz eindeutig auch das Planen und Bauen im Zoo,

Entsprechend rar sind auch die Könner auf diesem Gebiet.

Nehmen wir an, wir stehen vor der Aufgabe, mit begrenzten Mitteln einen erfolgreichen Zoo oder ein erfolgreiches Zoogehege zu bauen. Erfolgreich, das bedeutet eine günstige Relation zwischen Baukosten, Folgekosten, Attraktivität und Haltungsqualität, Kriterien, die weder ein privater noch ein öffentlicher Zoo vernachlässigen darf. Dann können wir zwar auf kein totsicheres Patentrezept zurückgreifen.

Aber an ein paar Faustregeln kann man sich schon orientieren, wenn man dem Ziel einer auch ökonomisch soliden Zooplanung näherkommen will. Und ohne eine wirtschaftlich solide Basis, das kann nicht oft genug betont werden, können wir auch diejenigen Aufgaben nicht bewältigen, die für uns die eigentliche Daseinsberechtigung eines Zoologischen Gartens begründen.

1) Optimale Nutzung der sich bietenden Möglichkeiten
Man kann es in dem Kapitel über Masterplaning der "American Zoo and Aquarium Fundamentels (1982)" nachlesen. Dort steht: Es ist vielleicht nicht einmal erstaunlich, daß gute Zoos oft billiger zu bauen und zu unterhalten sind als schlechte Zoos. Eine gute Planung zeichnet sich dadurch aus, daß man aus ästhetischer, funktionaler und ökonomischer Sicht die sich an einer Lokalisation bietenden Möglichkeiten optimal nutzt.

Wenn man also nur über begrenzte Mittel verfügt, sollte man, bevor man mit der Planung am Schreibtisch beginnt, sich intensiv mit dem zu überplanenden Gelände befassen, die sich dort anbietenden Möglichkeiten sorgfältig analysieren und diese sich nutzbar machen. In jedem Falle sollte man akzeptieren, daß nicht an jeder Stelle alles machbar ist - zumindest nicht mit vertretbarem Aufwand.

2) Viel hilft nicht viel, oder : Qualität vor Quantität

Die Erkenntnis, daß weniger oft mehr ist, kann Kosten ersparen. Im Zweifelsfalle ist es beim Bauen und im Unterhalt billiger, aber dennoch attraktiver, nur eine Tierart bzw. nur ein Gehege zu präsentieren, dabei aber alle gestalterischen Möglichkeit auszuschöpfen, als den Anblick von zwei oder drei kargen Gehegen zu bieten. Die schiere Anzahl der in einem Tiergarten vorhandenen Tierarten bzw. Gehege beeinflußt jedenfalls die Attraktivität und damit den wirtschaftlichen Erfolg der Einrichtung viel weniger, dafür aber die Höhe der Folgekosten viel mehr, als dies oft einkalkuliert wird.

3) Nicht für die Ewigkeit bauen

ist eine wichtige Faustregel, um die Kosten zu reduzieren.

Es gibt viele Beispiele, wie mit einfachen Mitteln hochattraktive Zoogehege errichtet wurden, deren Erneuerung bzw. Eliminierung nach einem bestimmten Zeitraum von vorne herein eingeplant war. Das hat den Vorteil, daß man in kürzeren Abständen neue Attrktionen schaffen kann. Vor allem kann man aber flexibler auf neue sich abzeichnende Notwendigkeiten reagieren, und man kann schneller neue Erkenntnisse umsetzen.

Um nur ein Beispiel zu nennen: seit der 1992 erschienenen Arbeit von Barbara Kieswetter über stereotypes Verhalten wissen wir, daß Leoparden- und Tigergehege ein Mindestmaß von ca. 400 qm aufweisen sollten. Erst von dieser Größe an verläuft die Stereotypienkurve wesentlich flacher. Und weniger Fläche kann auch nicht durch reichhaltigere Gehegegestaltung kompensiert werden.

4) Außen phantastisch, innen spartanisch

Tierhäuser sind im Bau und im Unterhalt teuer. Die Verweildauer der Besucher in den Häusern ist aber in der Regel signifikant kürzer als vor den Außengehegen.

Wenn ich bei knapper Kasse erreichen will, daß sich die Besucher möglichst lange mit der Tierart X beschäftigen, dann werde ich in den meisten Fällen richtig liegen, wenn ich vorrangig in das Außengehege und dessen gestaltete Umgebung investiere, weil ich hier mit geringerem Einsatz mehr Wirkung erzielen kann. Im Zweifelsfalle sollte man sich eher für spartanische Tierhäuser entschieden - spartanisch jedenfalls, was den Komfort für die Besucher betrifft.

Aber auch in spartanisch gestaltete Häuser sollte man, wenn es irgend geht, die Besucher hineinlassen, denn der Blick hinter die Kulissen ist allemal eine zusätzliche Attrktion, die man nicht ohne Not verschenken sollte.

5) Sich architektonischen Ehrgeiz verkneifen

Architektonischer Ehrgeiz, der sich vor allem selber meint anstatt das Interesse des Betrachters auf das Tier zu fokussieren, ist nicht nur teuer sondern oft sogar kontraproduktiv. So entstehen Bauwerke, die nur ablenken vom eigentlichen Gegenstand des Interesses, dem Tier, ohne ihrerseits einen überzeugenden Beitrag zur Attraktivität der Gesamteinrichtung zu leisten.

Architektonischer Ehrgeiz ist nur insofern statthaft, als er die "Verpackung" des Ausstellungsobjektes, also des Tieres in seiner Umgebung, optimiert.

6) Angepaßte Tierauswahl

Oft kann man zwischen vergleichbaren Tierarten wählen, die in ihren klimatischen, Pflege- oder Futteransprüchen unterschiedlich sind. Hier kann die richtige Wahl Kosten sparen, z.B. kann man anstelle von Javaneraffen eine kälteresistante Makakenart halten, was die Investitionen in den Stallbau deutlich reduziert. Oder man wählt zwischen zwei unterschiedlich attraktiven Tierarten (z.B. zwischen Weißem und Scharlachibis), wodurch sich die sonst gleichen Baukosten schneller amortisieren.

Auch die Konkurrenzsituation gilt es zu beachten: Wenn in der Nachbarschaft eine Tierart X in für mich unerreichbarer Qualität präsentiert wird, sollte ich nicht unbedingt eben diese Art halten wollen.

So würde beispielsweise eine konventionelle Gorillahaltung, die anderswo durchaus noch akzeptiert würde, in der näheren Nachbarschaft von Hannover kaum zum Publikumserfolg werden.

Sicherlich werden sich noch weitere Faustregeln für ein preisgünstiges Bauen im Zoo aufstellen lassen. Ein übergeordnetes Prinzip sollte man jedoch nie aus dem Auge verlieren:

Weniges kommt beim Bauen so teuer wie der Verzicht, sich vorher hinreichend sachkundig zu machen.