Prinz-Alfred-Hirsche und Borkenratten - Zwei wichtige

Artenschutzaktivitäten des Berliner Zoos auf den Philippinen

Dipl.- Biol. Heiner Klös

Galt früher in Kreisen der Zoologen die Insel Madagaskar als Schatztruhe der Evolution und Ort ungezählter endemischer Tier- und Pflanzenformen, so wissen wir heute, daß auf den Inseln der Philippinen weitaus mehr Endemiten zu finden sind, die auch sehr bedroht sind (Collar et al. 1994).

Die Republik Philippinen ist mit ca. 300.000 qkm Landfläche nur 1/6 kleiner als Deutschland. Die über 7.000 Inseln bilden den Rest ehemals zusammenhängender, durch Einbrüche getrennter, großer Gebirgsketten meist vulkanischen Ursprungs. Mit mehr als 70 Millionen Einwohnern, die zu 80 % katholischen Glaubens sind, zählen die Philippinen bereits zu einem der am dichtesten besiedelten Länder Asiens. Ein Ende des Bevölkerungswachstums ist nicht abzusehen.

Das anhaltende Bevölkerungswachstum bringt einen Verlust des Primärwaldes mit sich. Nach Schätzungen waren ursprünglich ca. 90 % der Fläche bewaldet, 1988 zählte das Forest Development Bureau nur noch 21 % Wald. Die Westvisayas mit den Inseln Panay und Negros sind noch zu ca. 7 % bzw. 3 % bewaldet - dies ist aber auch nicht mehr nur der ursprüngliche Regenwald (Oliver & Wirth 1996).

Die Inselgruppe wird durch die WALLACE-Linie in zwei Hälften geteilt. Im Pleistozän trennten tiefe Meeresarme die einzelnen Großinseln und verhinderten eine Einwanderung und Durchmischung der Arten, so daß diese aus zwei verschiedenen Entwicklungszentren stammen.

Mit dem Anstieg des Meeresspiegels splitterte sich das Land weiter auf, es entstanden tausende von Inseln, die sehr unterschiedlichen Selektionsdrücken ausgesetzt waren. Der vulkanische Ursprung und das Klima formten eine Vielzahl an Lebensräumen. Die genetische Isolation ließ eine besondere Artenvielfalt und eine sehr große Anzahl an endemischen Tierarten entstehen, die aber auch jeweils nur über einen sehr kleinen Lebensraum verfügen. So kommt z. B. der Prinz-Alfred-Hirsch (Cervus alfredi) nur auf den Westvisayas der Tamarau (Bubalus mindorensis) nur auf Mindanao vor.

Von den 560 Vogelarten, die auf den Philippinen leben, kommen 163 Arten nur dort vor. Davon sind 86 Vogelarten gefährdet (Collar et al. 1994). 115 der bisher für die Philippinen beschriebenen mehr als 180 Landsäugetierarten sind endemisch - leben als nur auf dieser Inselgruppe. Und bei weitem sind noch nicht alle Tierarten bereits entdeckt. Alleine zwischen 1983 und jetzt sind zu den bisher vier bekannten Borkenrattenarten mindestens drei weitere dazu- gekommen (Oliver & Cox 1990). Auch bei den Reptilien und den Amphibien kann ein sehr hoher Prozentsatz ( über 65 % ) von Endemiten registriert werden.

Ein Großteil dieser Arten verschwindet schneller als es uns bewußt ist !

Der Beginn der Artenschutzaktivitäten des Berliner Zoos auf den Philippinen war die Entdeckung eines alten Vorkriegs- fotos von einem Prinz-Alfred-Hirsch (Cervus alfredi), der in den 40 er Jahren im Berliner Zoo gelebt hatte (Frädrich 1987). Dieses damals einzige bekannte Foto dieser Hirschart führte zur ersten Finanzierung einer Untersuchung auf den Philippinen, die durch den Zoologen Roger Cox 1987 durch- geführt wurde. Diese Unterstützung war die erste Anschub- finanzierung, die überhaupt für Philippinen-Projekte gegeben wurde.

Auf Bitten von Roland Wirth (Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz München, ZGAP) und William Oliver (Flora & Fauna International) stellte der Zoo 1993 über einen Sponsor erneut eine größere Summe für dieses Projekt zur Verfügung und wurde gleichzeitig zum Mitunter- zeichner einer Vereinbarung mit der philippinischen Regierung. Um eine stabile sichere Subpopulation dieser einzigartigen Hirsche aufzubauen, übernahm der Berliner Zoo dann 1994 ein Paar dieser Wiederkäuer aus dem Bestand des Zoo Mulhouse. Seither konnte in Berlin bereits die Geburt von drei Jungtieren verzeichnet werden.

 

Das Prinz Alfred Hirsch Projekt

Nach Angaben der IUCN ist der Prinz-Alfred-Hirsch (Cervus alfredi) der seltenste Hirsch der Welt (Oliver & Wirth 1996) und es war daher dringend notwendig, sich dieser bedrohten Art anzunehmen. 1987 war diese Art auf der Insel Negros bereits ausgestorben. Auf Panay dagegen überlebten weniger als 100 Tiere.

Beispielhaft wurde ein kombiniertes Ex Situ/In Situ Projekt begonnen. Ein Erhaltungszuchtprojekt sollte erst einmal das Überleben der Art sichern. Mit Habitatschutzmaßnahmen vor Ort, sowie Öffentlichkeitsarbeit (Aufklärung, Information und Weiterbildung) wurden flankierende Maßnahmen getroffen.

Der Prinz-Alfred-Hirsch diente dabei als Flaggschiffart für die bedrohte Lebensgemeinschaft auf Panay.

Grundlage dieses Projektes ist ein MEMORANDUM OF AGREEMENT (MOA) und ein PHILIPPINES WILDLIFE LOAN AGREEMENT (PWLA), das sowohl vom philippinischen Department of Environment and National Resources (DENR) und dem Zoo Mulhouse stellver- tretend für alle beteiligten Institutionen 1990 unter- zeichnet wurde. Sämtliche Probleme, die sowohl die In Situ als auch die Ex Situ betreffen, werden von einem Komitee, das aus Vertretern der philippinischen Regierung, der Zoos und der Artenschützer besteht, geregelt. Die Zoos, die sich an dem Projekt beteiligen, müssen sich mit einer finanziellen Unterstützung, die zu 100 % den Schutzmaßnahmen vor Ort zufließt, beteiligen. Von den bisher gesammelten Geldern wurden drei lokale Zuchtstationen (Silliman Universität 1991, Negros Forest Ecological Foundation Inc. (NFEFI) 1992 sowie West Visayas State University auf Panay 1993) aufge- baut und tausende von Postern hergestellt und verteilt.

Auch ein Managementplan für das einzige größere noch zusammenhängende Waldstück auf Panay wurde erarbeitet (Cox 1987).as MOA regelt auch, daß keinerlei Prinz-Alfred-Hirsche außerhalb der PWLA gehalten bzw. gehandelt werden dürfen. Alle Prinz-Alfred-Hirsche bleiben Eigentum der philippinischen Regierung. Illegal gehaltene Hirsche wurden daher aufgespürt und dem Projekt zugeführt.

Die Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit beschränkt sich aber nicht nur auf die Verteilung der Poster, sondern auch auf Naturschutzkonferenzen und Zeitungsinformationen, mit denen die gebildete Führungsschicht des Landes fr die Naturschutzarbeit sensibilisiert werden soll.

Seit 1990 wurden insgesamt 17,17 Alfred-Hirsche für die Stationen aus illegalen Haltungen und von lokalen Jägern übernommen. 6,8 Hirsche stammen dabei aus Panay, und 11,9 aus Negros. 20, 15 Tiere wurden bereits in Menschenobhut geboren (Oliver & Wirth 1996). Für die Subpopulation aus Panay wurde 1995 ein MOA mit dem Zoo Melbourne abge- schlossen. Diese Population wird später in Zoologischen Gärten Australiens und der USA gehalten werden und von dort auch ihre Unterstützung erhalten.

Mit der Einbindung von örtlichen Naturschutzinteressierten (z.B. NFEFI) sowie Studenten sollte das Interesse und die Logistik für ähnliche Projekte zum Schutz anderer einheim- ischer Tiere gestartet werden. Mittlerweile wurde das PWLA in den Philippinen zur offiziellen Regierungsstrategie erklärt und weitere Projekte, so z.B. 1992 für das Visayan Schwein (Sus cebifrons). Auch andere Staaten haben diese Form der Projektdurchführung mittlerweile übernommen.

 

Das Borkenrattenprojekt

Durch die Erfolge des Alfred-Hirsch-Projekts beflügelt und durch das wissenschaftliche Interesse an einer weiteren großen Säugetierordnung unterstützt, interessierte der Berliner Zoo sich sehr bald auch für die Gruppe der philippinischen Borkenratten. Mit derzeit 35 Arten von Nagetieren, die der Berliner Zoo, zum großen Teil in seinem Nachttierhaus, hält, ist hier ein Erfahrungswert vorhanden, der als gute Grundlage für eine langfristige Unterstützung bei einem derartigen In Situ Artenschutzprojekt dienen soll.

Auf den Philippinen leben 22 Gattungen und 52 Arten von Muriden, von denen 16 (73%) der Gattungen und 44 (85%) der Arten endemisch sind (Heaney et al 1987). Auch die Borkenratten gehören zu den endemisch vorkommenden Gattungen.

Die slender tailed cloud rat (Phloeomys pallidus) kommt im Norden Luzons vor und hat das größte Verbreitungsgebiet aller Borkenratten. Sie scheint sehr adaptiv zu sein und kommt als einzige Borkenratte nicht in der Roten Liste der IUCN vor (IUCN 1994). Von dieser Art sind sowohl weiße Tiere als auch helle Tiere mit schwarzer Gesichtsmaske bekannt.

Die giant slender tailed cloud rat (Phloeomys cummingi), die größte aller Muriden, kommt auch in älteren Plantagen im Süden Luzons vor. Sie gilt daher trotz der Jagd als nicht so gefährdet.

Die giant bushy-tailed cloud rat (Crateromys schadenbergi) ist die größte und am weitesten verbreitete Art dieser Gattung. Sie lebt in Nord-Luzon und ist auch polymorph gefärbt. Auch ihr Bestand scheint noch sicher zu sein.

Die Dinagat Borkenratte (Crateromys australis), ist nur durch den Holotypus (1975) bekannt ! Kennzeichnend ist ein dreifarbiger Schwanz und eine orangebraune Körperbehaarung.

Auch die Ilin Borkenratte (Crateromys paulus) ist nur von einem Holotypus (1953) bekannt. Sie hat eine weiße Schwanz- spitze und eine graubraune Fellfärbung. Da die Insel mittlerweile abgeholzt ist, ist sie wahrscheinlich dort ausgestorben. Es gibt aber Hinweise auf eine ähnliche Form in Mindoro.

Die Panay-Borkenratte (Crateromys heaneyi) wurde erst 1987 entdeckt. Sie lebt, kaum eichhörnchengroß, im Tiefland- regenwald. Ihr Bestand ist unbekannt und es bedarf daher eines schnell verwirklichten Schutzprogrammes. Vier Tiere dieser Art - alles Männchen kamen in den Cincinatti Zoo wo sie sich erfolgreich fortpflanzten !

Eine weitere Form (Phloeomys elegans) aus Panay findet sich in US Museen als Balg ohne nähere Herkunftsangabe.

Hinweise auf weitere Arten sind bekannt geworden aber noch nicht näher verifiziert.

1994/95 konnten wir die ersten 2.500,-- DM für das Borken- rattenprojekt bereitstellen. Mit Hilfe dieser kleinen Summe konnten die ersten Gehege für die Panay Borkenratte (Crateromys heaneyi) an der West Visayas University finanziert werden.

Anläßlich der Regionaltagung der ZGAP in Berlin konnte 1996 ein weiterer Scheck in Höhe von 8.500,-- DM an R. Wirth und W. Oliver übergeben werden. Gleichzeitig verpflichtete der Zoo Berlin sich, in den nächsten Jahren jeweils 6.000,-- DM für das Projekt zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig hat der Zoo Berlin sich bereit erklärt ein MOA mit der philippinischen Regierung zu unterzeichnen. In einer internationalen Zusammenarbeit mit anderen europäischen Zoos und Privat- haltern werden Aufgaben verteilt werden. So hat z.B. der Zoo Rotterdam auf der Tagung in Berlin die Finanzierung eines SOS Posters über die Borkenratten zugesagt. Die Zoological Society of London (ZSL) wird die nächsten 5 Jahre jeweils 2.000 Pound Sterling für weitere Aktivitäten vor Ort bezahlen.

Gemeinsam mit dem Rotterdamer Zoo wollen wir auch eine Ausstellung über die Philippinen erarbeiten, die für eine weitere Unterstützung bei unseren Besuchern werben soll.

Mit dem Beginn der Arbeit vor Ort hat es sich gezeigt, daß immer mehr Unterstützung gebraucht wird. Die kleinen Stationen, die sich anfangs nur um die Prinz-Alfred-Hirsche kümmerten, dienen als Katalysator für weitere Artenschutz- projekte. Es wäre contraproduktiv, wenn die derzeit noch wenigen überaus engagierten philippinischen Mitarbeiter aus finanzieller Unsicherheit sich jetzt lieber eine andere Arbeitsstelle suchen und die angefangenen Projekte nicht weitergeführt werden können. Jede Unterstützung dieser Projekte ist daher dringend erforderlich.

Literatur:

Collar, N.J., Crosby, M.J. & Sattersfeld, A.J. (1994): Birds to watch, The World List of Threatened Birds. BirdLife International, Cambridge.

Cox, C.R. (1987): Report on a preliminary management survey of the proposed Panay Mountains National Park. Unpublished Report to Zoo Berlin.

Frädrich, H. (1987): Philippinen-Hirsche im Zoo Berlin - Ein Rückblick ? Bongo 12, 13-16.

Heaney, L.R., Gonzales, P.C. and Alcala, A.C. (1987): An unnotated checklist of the taxonomic and conservation status of land mammals in the philippines. Silliman J. 34 (1-4): 32-66.

IUCN (1994): 1994 IUCN Red List of Threatened Animals. IUCN Species Survival Commision, Cambridge, U.K. and Gland, Switzerland.

Oliver, W.L.R. & Cox, C.R. (1990): The Distribution and Status of the Philippine Cloud Rats. Unpublished report to ZSL and DENR.

Oliver, W.L.R. (1993): Threatened endemic artiodactyls of the Philippines: status and future priorities.

INTERNATIONAL ZOO YEARBOOK 32: 131-144.

Oliver, W.L.R. & Wirth, R. (1996): Project Funding Proposal.

 

Dipl.-Biol. Heiner Klös

Zoologischer Garten Berlin

Hardenbergplatz 8

D-10787 Berlin