Vom Zwang zur Qualität - Mindestbedingungen für Zoos und Tierparks

Prof. Dr. Dieter Jauch, Zoologisch-botanischer Garten, Wilhelma, Stuttgart

Sicher werden Sie sich fragen, warum ich, wo Visionen eines Zoos der Zukunft erwartet werden, von Mindestbedingungen rede! Wie paßt das zusammen? Mancher hält das für Hemmschuhe, Ausgeburten engstirniger Beamtenhirne. Ich meine, Zwänge haben auch manchmal ihr Gutes. Daß das so ist, möchte ich an einem Beispiel, nicht aus der Zoobranche zeigen: Betrachten Sie das Verhalten der Vivarianer vor Inkrafttreten des WA und die erzielten Nachzuchterfolge, und vergleichen Sie damit die Situation einige Jahre später, so können Sie klar sehen: Der Schock der einschneidenden Beschränkungen, das Verschwinden mancher Arten aus der Liebhaberszene haben, zumindest sehe ich das so, gewaltige Anstrengungen und ein Umdenken zur Folge gehabt, die sich auf die Vivaristik insgesamt äußerst positiv ausgewirkt haben.

Ging es eigentlich den Zoos anders? Ich meine nein.

Der erste "Zoo" an den ich mich erinnern kann, war eine Bahnhofswirtschaft auf dem Lande, mit einer Wildsau, einem Rhesusaffen an der Kette, einigen Papageien auf der Stange und außerdem noch einigen Ziegen und Schafen. Sie werden sagen: "Das ist doch kein Zoo!" Er hieß aber so, und keiner konnte das, wie übrigens die ganze dortige Tierhaltung, verbieten. Der Begriff "Zoo!" war und ist nicht geschützt. Tierschutzrecht bot damals keine Handhabe. Manches Etablissement dieser Art gab es nach dem Kriege in Deutschland und auch die großen Zoos hatten teilweise Ecken, in die der Direktor eigentlich nur mit Unbehagen hätte gehen sollen. Nicht nur hamburger Noblesse à la Hagenbeck war zu finden. Man machte Konzessionen an die Sammelleidenschaft und schwieg. Die Partnerschaft von heute gab es noch nicht, viele Direktoren von Zoos sahen sich als Konkurrenten. Schnee von gestern sagen sie? Noch vor wenigen Jahren habe ich in einem Freizeitpark im Schwarzwald eine traurige Bärengrube gesehen und die alten Bärenkäfige aus der Sturm- und Drang-Zeit unseres Zoos in Stuttgart wurden erst im Sommer 1991 abgerissen. Und behaupte niemand, daß es Ähnliches nicht noch heute gäbe!

Umgekehrt wäre es ungerecht, wollte ich verschweigen, daß die Tiergärtnerei in den vergangenen 3 Jahrzehnten geradezu revolutioniert wurde, daß unser Verhältnis zu den Tieren die wir pflegen, mit steigendem Wissen, sensibler geworden ist. Neue Haltungsmethoden, neue Präsentationsmöglichkeiten, geänderte technische Voraussetzungen, aber ebenso das kritische Überdenken der Aufgaben zoologischer Gärten, über die ich mich hier wohl nicht auszulassen brauche, eine lawinenartig anwachsende Lebensraumvernichtung, die bestürzte, sind dafür als ursächlich anzusehen. Selbstkritisch muß aber zugegeben werden, daß diese positiven Veränderungen nicht nur auf innere Einsicht aller Beteiligten zurückzuführen sind, sondern auch auf sanften Druck von außen. In der Herzphysiologie kennt man den Frank-Starling-Mechanismus, der besagt, daß die Kontraktion des Herzmuskels um so stärker ist, je größer seine Vordehnung war. Scherzhaft umformuliert ergibt sich daraus die sogenannte "II. Biogenetische Grundregel: Unter Druck schafft man mehr!"

Auch heute noch hält dieser Wandel an. Tiere können zwar ihre Rechte nicht lautstark geltend machen, aber sie haben zum Glück ihre Lobby. Das sind Tier- und Artenschützer, das sind Amtsveterinäre und auch kritische Kollegen. Das sind auch Millionen von Besuchern, die im Zoo, im Tierpark, im Wildgehege Erholung und Spaß suchen. Wo Tiere im Zoo Mitleid erregen, wird der Zoo seiner Aufgabe nicht gerecht, und schon gar nicht kann er dann Belehren oder Sensibilisieren für Fragen des Naturschutzes. Viele Tierparks in Deutschland werden von der öffentlichen Hand betrieben. Der Zwang zum finanziellen Erfolg entfällt hier, leider auch manchmal der Antrieb, die Dinge weiter zu entwickeln. Dabei gilt für zoologische Gärten und Tierparks wie für kaum einen anderen Bereich das türkische Sprichwort: "Ist das Haus fertig, kommt der Tod!" Etwa 10 Jahre können wir einem modernen Zoogebäude geben, ehe es allmählich wieder unmodern wird. Nur wenige sind länger aktuell. Daß ein Tierhaus auch nach 30 Jahren noch als durchaus zeitgemäß bezeichnet werden kann, wie unser Aquarienhaus in großen Teilen, das darf als Glücksfall gelten. Ständiger Wandel ist programmiert.

Zoobauten kosten viel Geld, selbst wenn im Rahmen von "Zookunft" über preiswertes Bauen gesprochen wird. Der Gestaltungswille des Zooarchitekten bringt Gefahren. Nicht umsonst hat Heini Hediger einmal gesagt: "Das gefährlichste Tier im Zoo ist der Architekt", stammt vom New Yorker Zoodirektor und Visionär Bill Conway der Satz: "Gib einem Architekten keine Chance, im Zoo ein Baudenkmal zu schaffen. Wenn möglich, mache Zoogebäude so, daß sie leicht wieder abgebrochen werden können, in der Hoffnung ,daß dein Nachfolger mehr Phantasie hat als du selbst..." Wer von den Zooleuten kennt nicht quälende Auseinandersetzungen mit Baubehörden, Architekten, Denkmalschutz usw., die sich oft einer vernünftigen Tiergärtnerischen Entwicklung in den Weg stellen. Investoren, in Deutschland vielfach die öffentliche Hand, sollten sicher sein, daß die Investition zukunftsträchtig ist.

Unsere Tiere müssen würdig untergebracht und versorgt sein. Unsere Besucher sollen sicher sein und zufriedengestellt werden. Unsere Mitarbeiter sollen sicher arbeiten können (wofür in der Bundesrepublik ausreichende Arbeitsschutzbestimmungen gegeben sind).Und das alles zusammen bedeutet, daß wir uns bei aller Innovationsfreudigkeit in sicheren, geordneten Bahnen bewegen. Auch hier hilft ein fester, rechtlich bedeutsamer Rahmen in der Diskussion, der auch von Ignoranten, z. B. Architekten, eben beachtet werden muß. Mir selbst haben sogar schon nur zu erwartende Regelungen in diesen Kämpfen viel geholfen. Allerdings muß klar sein, daß nur minimale Voraussetzungen einklagbar sind, nicht das Optimum. Es wird damit aber nicht schwerfallen, klarzumachen, was der Zoo wirklich braucht.

Ein erster Schritt in diese Richtung war wohl das Gutachten zur artgerechten Haltung von Säugetieren des VDZ aus dem Jahr 1977, das vielfach zur Beurteilung von Tierhaltungen herangezogen wurde, aber natürlich nicht bindendes Recht war. Zum ersten Mal haben sich hier kritische Zooleute selbst einen Rahmen geschaffen. Die Zeit ist darüber hinweg gegangen, aber viele Aussagen gelten auch heute noch als richtig.

Ein weiterer gewaltiger Schritt vorwärts war die Regelung der Schweiz im Tierschutzgesetz von 1978 und in der Tierschutzverordnung von 1981, in der neben allgemeinen Voraussetzungen für tiergerechte Haltung, unterteilt nach Haus- und Wildtieren, alles geregelt wird, was für die Pflege derselben erforderlich ist. Ergänzt wird die Verordnung durch zwei Anhänge, die Mindestgehegebedingungen für alle relevanten Säuger-, Vogel- und Reptiliengruppen in erfreulicher Klarheit und Konzentration bieten - eine echte Schweizer Qualitätsarbeit. Die schon 1981 erlassene Verordnung regelt auch in einer vorbildlich knappen Weise Haltungs- und Handelsbeschränkungen. Zum ersten Mal ist hier alles Wesentliche in einem Gesetzeswerk umfassend geklärt. In einem kritischen Resümee konnte P. Dollinger vom Eidgenössischen Bundesamt für Veterinärwesen positiv über die Auswirkungen dieser Verordnung berichten. Und selbst wenn sie eben nur in der Schweiz bindend wurde, hat sie sich auch bei uns segensreich ausgewirkt.

Erst über 10 Jahre später hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten mit den "Mindestanforderungen an die tierschutzgerechte Haltung von Tieren" ein ähnliches Unternehmen gestartet. Sie liegen inzwischen für Säugetiere, Straußenvögel, Eulen und Greife, Kleinvögel (Körnerfresser), Papageienvögel vor, für Reptilien im Entwurf. Weitere sollen folgen. Die letzten Gruppen zeigen deutlich, welche Schwierigkeiten dabei auftreten können:

1. Mindestanforderungen sollen die gerichtsverwertbaren Grenzen zur Tierquälerei ziehen, nicht die Wunschvorstellung eines Kurators für die optimale Gehegestaltung sein. Verlangt das Schweizerische Recht für ein Paar Alligatoren 8 m2 Landteil und 8 m2, bzw. 2 m3 Wasserteil, sehen Österreichische Haltungsrichtlinien 15 m2 Landteil und 25 m2 bzw. 10 m3 Wasserteil vor, so gibt die deutsche Richtlinie 27 m2 Landteil und 45 m2 bzw. 15 m3 Wasserteil als Minimum an. Bei der bekannten Bewegungsfreude von Krokodilen sind die zuletzt genannten Dimensionen nur schwer nachzuvollziehen. Wie gesagt, es soll sich ja um das unabdingbare Minimum handeln.

2. Mindestanforderungen sind das Ergebnis des Ringens von Fachleuten aus verschiedenen Lagern. Sie sind, wie ich glaube, in aller Regel ein tragbarer Kompromiß, der die Bedürfnisse der Tiere ausreichend berücksichtigt. Es ist deswegen schwer zu verstehen, wenn zuständige Behörden einzelner Bundesländer rechthaberisch das Papageiengutachten zu unterlaufen suchen. Nicht nur Tiere, auch Bürger und Institutionen haben Ansprüche, in diesem Fall das Bedürfnis nach Rechtssicherheit. Wo kommen wir hin, wenn wir der Willkür Einzelner ausgeliefert sind?

Mindestnormen sind wichtig. Damit sie glaubhaft wirken und akzeptiert werden können, müssen vergleichbare Fälle auch gleich geregelt werden. So ist es zwar verständlich, wenn die "Leitlinien für eine tierschutzgerechte Haltung von Wild in Gehegen" andere Gehegegrößen aufweisen als Zoos. Schließlich sind Zoogehege oft anders gebaut. Es ist aber nicht einzusehen, warum z. B. Stallflächen, Abgrenzungen u. ähnlich Vergleichbares fast gleichzeitig unterschiedlich geregelt worden sind. Noch verworrener wird das ganze, wenn wir die schon älteren Kriterien für die tierschutzgerechte Haltung von Hauspferden betrachten. Auch dies fördert Zweifel am Wert solcher Gutachten, selbst wenn nur wenige Punkte strittig sind.

Mindestnormen sollen Sicherheit geben, im Zweifel nichts falsch zu machen, kein Tier zu quälen. Sie sind keine Bezugsgröße für optimale Tierpräsentation. In der Regel sollten Gehege in Zoos denn auch größer sein, um den Besucher zu faszinieren. Die gekonnte Gestaltung von Gehegen, ja eines ganzen Zoos im Zusammenspiel vieler Faktoren läßt sich natürlich nicht reglementieren, hier braucht es Phantasie, sich von anderen zu unterscheiden, ästhetisches Fingerspitzengefühl, um ein Gesamtkunstwerk zu komponieren. Es braucht Visionen, aber es braucht auch Mindestbedingungen. Im, wie es in einem New-York-Führer heißt, schönsten Zoo der Welt, steht "Jungle-World", das phantastische Asienhaus. Wenn sich der Besucher der wohl schönsten Krokodilanlage in einem Zoo nähert, läuft er schaudernd unter einem Ast durch, der ausgehöhlt ist und in dessen Höhlung ein Tigerpython liegt, hinter einer Scheibe auf ca. 1 m2 Fläche. Großartig denkt der Besucher - die Schlange findet’s sicher weniger toll. Sie kann sich kaum bewegen. Tiergärtnerisch gesehen ist der "Gag" eine Entgleisung. Mindestanforderungen, an die sich die Visionäre hätten halten müssen, könnten solchen Unfug verhindern.

Dennoch ist die große Gavial-Anlage mit ihrer Unterwasser-Sichtscheibe, mit großartiger Landschaftsgestaltung einfach grandios. Eine bessere kenne ich nicht. Nach den demnächst gültigen Mindestanforderungen an die Haltung von Krokodilen in Deutschland wäre sie zu klein. Mindestanforderungen können auch unsinnig sein.

Trotz allem dürfen wir nicht nur stöhnen. Mindestanforderungen sind eine Hilfe für Tierhalter aller Art und für Zoos, unangreifbar zu werden, in einer Zeit, der Versuchung und Bewährung. Mindestanforderungen werden zwangsläufig helfen, die Tierbestände der Zoos sinnvoll zu straffen. Ist nicht mehr Platz für alles, ist Beschränkung notwendig, braucht es "Collection-Planning" in Zoos und zwar weltweit. Zoos werden sich genau überlegen müssen, mit welchen Tierarten sie ihrer Aufgabe am ehesten gerecht werden. Auf jeden Fall gilt: ein gelungener Ausschnitt ist mehr wert als ein schlechter Überblick. Insofern sind Mindestanforderungen auch ein sanfter Zwang zur Verbesserung unserer Zoos.

Mindestanforderungen bieten Gewähr dafür, daß es den Tieren im Zoo, im Tierpark aber auch beim privaten Liebhaber, den ich nicht ausgrenzen möchte, noch besser geht. Daher befürwortet der VDZ solche Regelungen uneingeschränkt und hat an der Entstehung wesentlichen Anteil gehabt. Der VDZ dankt dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten auch für die behutsame und gewissenhafte Steuerung des Vorhabens.

In einem geeinten Europa müssen Zoos aller Staaten den gleichen Mindeststandard haben. Es ist deshalb sehr bedauerlich, daß zwei Entwürfe für Mindeststandards bzw. die Zulassungskriterien für Zoos, die der Europäische Zooverband EAZA in jahrelanger Arbeit erstellt hatte, in den Mühlen der EU-Bürokratie zermahlen wurden.

Bleibt zu hoffen, daß wenigstens das deutsche Recht in Zukunft vernünftige und ausreichende Regelungen für die Zulassung von Tierhaltungen in Zoos schaffen, daß die Haltung bestimmter Tiere einer gut durchdachten Genehmigungspflicht unterliegen wird, die den Betrieb aller Zoos und Tierparks sicher macht.

Der Umbau der Zoos für das 21. Jahrhundert hat längst begonnen, aber es bleibt noch viel zu tun. Dazu brauchen wir Phantasie, aber auch brauchbare Gesetze, wir brauchen einen rechtlichen Rahmen, auf den Verlaß ist, nicht daß diejenigen, die sich an ihm orientieren wollen, eines nahen Tages schon wieder außerhalb stehen.