Rede Dr. Claus Hagenbeck,

Tagungsschwerpunkt: Umbau der Zoos für das 21. Jahrhundert

Sonnabend, den 22. Februar 1997

Der profitable Zoo - ein ganz anderes Konzept

Der profitable Zoo erscheint in unserem Land vielen als contradictio in adjecto. Profit hat in unserer Gesellschaft einen bösen Beigeschmack. Was sich auch in dem Wort Profit-Gier ausdrückt. Wir können Profit-Gier auch mit "Erwerbsstreben" übersetzen. Auch Erträge sind Profit, Einkommen ist Profit, Lohn- und Gehalt sind Profit aus nicht selbständiger Arbeit. Aber nur diejenigen die Profit erwirtschaften zahlen Steuer. Und nur aus den Steuern die wir zahlen, können Subventionen verteilt werden.

Zoos gelten wie Theater und Oper als Kulturinstitutionen und Kulturinstitutionen müssen selbstverständlich subventioniert werden, allerdings nicht überall auf der Welt. Was für aberwitzige Auswüchse diese Subentionsmentalität hervorbringen kann, möchten ich Ihnen an zwei Beispielen allerdings nicht aus der Welt des Zoos, erläutern:

Das Thalia-Theater in Hamburg hat einen Etat von 35. Mio, davon sind 30 Mio. sind Subventionen (1994). Bei 216.000 Besuchern jährlich wird jeder Besucher mit 138,89 DM subventioniert. Dies Subvention ist völlig in Ordnung, da ich in diesem Theater ein Abonnement habe.

Die Hamburgische Staatsoper wird schon mit ca. 100 Mio. jährlich subventioniert (1994). Bei 400.000 Besuchern liegen jeden Abend auf jedem Stuhl DM 250,--. Da meine Frau ein Opern-Abonnement hat, stellt sich mir die Frage, ob es wirklich in Ordnung ist, daß mein Löwenwärter mit seinen Steuergeldern den Opern-Besuch meiner Frau subventioniert.

In Hamburg werden in diesem Jahr 5 öffentliche Bücherhallen geschlossen, um 5 Mio. zu sparen. Das Kino übrigens das Theater des kleinen Mannes wird nicht subventioniert.

- Ein ganz anderes Konzept?

Ist der zweite Teil des Titels meines Vortrages.

Die Aufgaben eines jeden Zoos sind im Anhang zur Satzung des VDZ klar definiert:

- Zoos sind naturkundliche Bildungsstätten

- sie betreiben Natur- und Artenschutz

- es sind Forschungsstätten

- und sie sind Stätten der Erholung und Freitzeitgestaltung

Wenn wir diese Grundsätze daraufhin abklopfen, ob man damit Profit machen kann, wird schnell klar das sowohl Bildung, Natur- und Artenschutz als auch Forschung viel viel Geld kosten und keiner unserer Besucher dafür Geld auszugeben bereit ist.

Für Erholung und Freizeitgestaltung werden allerdings jedes Jahr viele Millionen ausgegeben. Natürlich sind Zoos und Tierparks primär Freizeiteinrichtungen. Denn nur während der Freizeit haben die Menschen die Möglichkeit unsere Parks zu besuchen.

Wenn ich einen Zoo profitabel gestalten will dann muß ich meine Aktivitäten, daß heißt das Marketing auf den Verbraucher, auf den Kunden richten. Das Angebot Zoo muß attraktiv sein (attrahere = anziehend), der Zoo muß Attraktionen bieten, um im Umfeld der reichlich vorhandenen Freizeitmöglichkeiten, die dem Menschen heutzutage offen stehen, bestehen zu können. Denn unsere direkte Konkurrenz im Freizeitmarkt sind nicht nur andere Zoos, sondern alle Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Dazu gehören Jahrmärkte, Straßenfeste, Sportveranstaltungen, Kino, Theater usw..

Ich zitiere aus einer Marketing-Untersuchung zu einem Naturkunde-Museum in Hamburg in der folgendes postuliert wird:

"Das Museum, (hier der Zoo) hat eine Bringschuld zu erfüllen, die weiter reicht, als nur dem Fachmann und Wissenschaftlern einzigartige "Objekte" zu präsentieren, die breiter und anders geartet sein muß, als die Ansprache derer, die die Liebe zur Natur und Kreatur verbindet. Wer die Massen ansprechen will, um sie zu einem ernsten Thema hinzuführen, muß Mittel und Techniken anwenden, die begeistern, schockieren, überraschen, kurzum - die neugierig machen und ein unvergeßliches Erlebnis versprechen.

Bei aller wissenschaftlichen Seriosität darf das Spektakel nicht fehlen. Und davon kann die Natur, wer denn sonst, in Hülle und Fülle Beispiele liefern." (Zitat Ende)

Wie kommen wir diesem Ziel also näher, in dem vielfälltigen Freizeitangebot attraktiver zu sein, als unsere Konkurrenz? Zunächst einmal bei der Auswahl der Tiere. Der Besucher erwartet bei uns Zootiere, Tiere die er kennt, Tiere die er gerne kennenlernen möchte, weil er sie vielleicht nur aus Büchern kennt, wie z.B. den Panda-Bären. Oder Tiere die er kennt, aber gerne seinen Kindern zeigen möchte. Es ist nicht das unbekannte seltene Tier, daß nur den zoologisch Interessierten in den Zoo lockt.

Der Elefant ist ein solches ideales Zootier. Er ist allgemein bekannt und beliebt. Wir haben das große Glück eine erfolgreiche Elefantenzucht zu haben. Da mischen sich also die Aspekte der naturkundlichen Bildung des Artenschutzes, der Forschung und der Kommerz in idealer

Weise. Eine erfolgreiche Elefantenzucht dient dem Artenschutz und bietet ein weites Feld ethologischer und andere Studien. Gleichzeitig lockt ein Elefantenbaby zusätzliche Besucher in den Park.

Ein zoologisch außerordentlich interessantes, aber leider völlig unbekanntes und deshalb nicht publikumswirksames Tier ist der Brasilianische Riesenotter auch dort waren wir sehr erfolgreich. Aber obwohl Riesenotter tagaktiv und sehr verspielt sind, ziehen sie mit ihrer lärmenden Toberei nur die Besucher vor ihr Gehege, die schon im Tierpark sind. Sie bringen keinen zusätzlichen Besucher, da noch völlig unbekannt. Zur Präsentation des wirklich zoologisch sensationellen Riesenotter-Nachwuchses war die Reaktion der Hamburger Presse gleich null. Zur Vorstellung junger Löwen wurden wir überrannt. Riesenotter und andere seltene Tiere halten wir zur Freude des Direktors und seiner Mitarbeiter. Und ich bin sicher, daß sie eines Tages zu den attraktiven Zootieren gehören werden.

Neben der Auswahl der Tiere ist ihrer Präsentation erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Selbstverständlich muß die Tierhaltung artgerecht oder besser verhaltensgerecht sein. Genauso wichtig für die Akzeptanz durch den Besucher, ist aber auch eine besuchergerechte

Tierhaltung. Unter besuchergerecht verstehe ich, daß dem Gast, der ja in der Regel "Laie" ist und die Tiergehege gefühlsmäßig erfaßt, vermittelt wird, daß die Tiere sich dort wohlfühlen.

Die Kriterien artgerecht und besuchergerecht können durchaus im Wiederspruch stehen. Wir alle wissen, daß Sibirische Tiger außerhalb der Paarungssaison Einzelgänger sind und doch zeigen wir diese herrlichen Tiere in Gruppen, weil wir sonst bei unseren Gästen Mitleid mit dem einsamen Tiger hervorrufen würden. Es ist auch sehr oft nötig, daß man ein Gehege größer macht, als es für die artgerechte Haltung nötig wäre, um beim "Laien" den Eindruck der Gefangenschaft zu vermeiden.

Carl Hagenbeck hat mit der Erfindung der naturnah gestalteten gitterlosen Freianlage (eigentlich ja nur ein Freisicht-Analge) diesen Weg als erster beschritten. Thomas A. Edinson der berühmte amerikanische Erfinder hat bei seinem Besuch in Stellingen gesagt:"The animals are not in the cage, there are on stage".

Für wen muß das Gehege naturnahe gestaltet sein? Der Orang-Utan schwingt sicherlich ebenso gern an einem Polypropylenseil, wie an einem Hanfseil oder an einer künstlich nachgebildeten Liane. Er klettert ebenso gern auf einem Edelstahlgerüst, wie auf einem nachgebildeten Baum aus Polyester. Aber unser Kunde macht einen Unterschied ihm ist der Polyester-Baum sicherlich lieber, als das Edelstahlgerüst und das Hanfseil oder die nachgebildete Liane lieber als ein Polypropylenseil.

Auch mit Licht, künstlichem Nebel lassen sich wirkungsvolle Effekte erreichen. Blitz und Donner im Tropenhaus dienen auch mehr der Effekthascherei, als der artgerechten Tierhaltung. Man muß sich allerdings bei der besuchergerechten naturnahen Gestaltung auch vor Übertreibung hüten. In der Dschungel-World im Bronx Zoo gibt es Beispiele dafür, wo die verhaltensgerechte Unterbringung zu gunsten einer besuchergerechten Präsentation ins Hintertreffen geraten ist.

Die beliebten Fütterungen mit circensischen Vorführungen oder auch ohne, dienen der Belehrung und zuweilen auch der Belustigung des Publikums und gleichzeitig der Beschäftigung der Tiere. Wenn der Tierpfleger anläßlich dieser Präsentation nicht in schmuddeliger Latzhose und Gummistiefeln auftritt, sondern vielleicht eine Uniform mit Schlips trägt, ist das dem Image des Zoos sicherlich förderlich.

Wenn wir den Zoo als Freizeiteinrichtung begreifen ist eine funktionierende Gastronomie und saubere WC's selbstverständlich. Aber auch ein Kinderspielplatz ist der Zoo-Idee ebensowenig abträglich wie sonntägliche Konzerte.

Der profitable Zoo braucht selbstverständlich eine wirtschaftliche Betriebsführung, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen will.

Der profitable Zoo - ein ganz anderes Konzept?

Das war die Frage und meine Antwort darauf lautet: Der profitable Zoo ein etwas anderes Konzept. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Nicht immer und überall sollen wir dem Publikumsgeschmack hinterherlaufen, aber der Besucher ist unser Kunde und der Kunde ist König. Und wir wollen ihm seine Freizeit, die er bei uns verbringt so angenehm wie möglich gestalten. Er soll sich wohlfühlen und er soll wiederkommen. Er soll gerne in den Zoo gehen und er soll die Tiere mit Wohlgefallen und nicht mit Mitleid betrachten. Denn nur wenn die Menschen zu uns in den Park kommen, können wir sie im Sinne einer Freizeitpädagogik naturkundlich bilden und ihnen Natur- und Artenschutz näher bringen.

Dr. Claus Hagenbeck

Tierpark Carl Hagenbeck