Deutschland - Naturschutz zu Hause

von Axel Gebauer ( Naturschutz-Tierpark Görlitz)

Vortrag auf der Zoo-Kunft-Tagung am 22. Februar 1997 in Hannover

Mit einer Vielzahl von Aktivitäten hat der Naturschutz-Tierpark Görlitz in der letzten Zeit auf sich aufmerksam gemacht. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine teure Werbekampagne, sondern um die zielgerichtete Umsetzung der 1992 erarbeiteten Entwicklungskonzeption. Danach will der Görlitzer Tierpark neue und für herkömmliche Zoos ungewöhnliche Wege beschreiten.

Vielleicht deshalb gab es aus den Reihen der Zookollegen zum Teil recht harsche Kritik nach dem Motto: „In Görlitz tut man so als ob dort die Aufgabe „Naturschutz" für die Zoos erfunden wurde. Wir wissen natürlich, daß dies nicht so ist. Andere Zoos tun auf anderer Ebene sogar viel mehr für den Naturschutz, denn unser kleiner Tierpark kann sowohl aus finanzieller als auch wegen personeller und logistischer Probleme ganz einfach nicht so viel leisten wie ein Großstadt-Zoo.

Wir sehen unsere Chance vielmehr in einer sehr konkreten und vor allem regional ausgerichteten Naturschutzarbeit, die methodisch-didaktisch neue Wege beschreitet und die gesamte Firmenphilosophie bestimmt.

Der Naturschutz-Tierpark will die Bevölkerung der Region auf die wertvolle Naturausstattung unserer Heimat stolz machen, und sie zum aktiven Handeln im Sinne des Erhaltes dieser Werte anregen.

Es geht uns nicht allein darum, Tiere zu erhalten, sondern Lebensräume bewahren zu helfen und somit den Naturschutz im eigentlichen Sinne als wichtigste Aufgabe wahrzunehmen.

Durch folgende drei "Standbeine" soll erreicht werden, daß die Tierparkbesucher ökologische Zusammenhänge begreifen lernen und damit eigene Aktivitäten im Mitwelt- und Naturschutz entfalten:

Der Naturschutz-Tierpark Görlitz setzt sich als "ökologischer Sponsor" bzw. Werbeträger für zwei Schutzgebiete der Region ein, die eine wertvolle Naturausstattung besitzen. Es handelt sich hierbei um das Landschaftsschutzgebiet "Königshainer Berge" und das Biosphärenreservat "Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft".

Hier lassen wir uns von dem Prinzip leiten, daß die (vor allem aus der Umgebung stammenden) Besucher lernen, wie wertvoll ihre Heimat noch (!) ist. Kaum sonst in Deutschland gibt es eine solch dichte Konzentration von Fischotter-Revieren oder so viele Seeadler, daneben Weißstörche, 15 Fledermausarten u.v.a.m. wie im genannten Biosphärenreservat. Das Landschaftsschutzgebiet Königshainer Berge ist ein Refugium für den Uhu oder verschiedene Spechtarten.

In Form von gemeinsam mit den Schutzgebietsbetreuern organisierten Ausstellungen, herausgegebenen Faltblättern oder durchgeführten Veranstaltungen versuchen wir, solche Dinge „rüberzubringen". Obwohl wir zum Beispiel die Veranstaltungen jedes Mal einem thematischen Schwerpunkt widmen, muß es dabei nicht immer todernst zugehen, wie unser inzwischen schon traditionelles Mistkarrenrennen zum Osterfest oder ein Hochzeits-Umzug mit dem „Pfingstochsenkarren" zum Storchenfest beweisen.

Außerdem kümmern wir uns natürlich auch in sehr praktischer Weise um die „Natur vor der Haustür". Zahlreiche Pfleglinge kommen zu uns und verlassen wenn möglich den Görlitzer Tierpark. In den letzten 4 Jahren waren das insgesamt ca. 1000 Tiere, darunter solche Besonderheiten wie zwei Kraniche, 7 Seeadler, 30 Flußseeschwalben, 26 Weißstörche und 5 Fischotter.

Daneben bemühen wir uns um einen Lebensraumschutz bzw. die Renaturierung zerstörter Lebensräume, u. a. für unser Wappentier, den Weißstorch, an dessen Brutbestands-Erfassung wir natürlich ebenso beteiligt sind. Unter unserer Regie lief auch eine Studie über alle bisher im Landschaftsschutzgebiet "Königshainer Berge" festgestellten Wirbeltiere. Wir arbeiten aktiv im Naturschutzbeirat des Landkreises, im Schleiereulenschutz oder in der Jugendbetreuung mit.

Kommen wir zum zweiten Standbein, d. h. zu den Gehegen und Anlagen, in denen ganz bestimmte Tierarten gezeigt werden. Dies ist natürlich das tragende und wichtigste Element, sonst wären wir kein Tierpark mehr, sondern eine Naturschutz-Station.

Der Naturschutz-Tierpark Görlitz stellt als "Schaufenster der Natur" Tierarten aus den genannten Patenschaftsgebieten und anderen Regionen der Erde vor. Nicht menagerieartig aufgezogene Käfigbatterien mit einer Vielzahl verschiedener Tierarten, sondern nur wenige Vertreter, die in möglichst naturnah gestalteten und ästhetisch anspruchsvollen Gehegen untergebracht sind, sollen den Besuchern die Natur nahebringen, ihre Schönheit zeigen und schließlich die ethische Verantwortung aller Menschen für diese Mitwelt deutlich machen.

Neben Uhu, Weißstorch, Kranich oder Fischotter "werben" auch fremdländische Formen (vor allem aus Zentralasien) wie farbenprächtige Fasanen oder Kleine Pandas als "Stellvertreter" und Sympathieträger für den Erhalt der Lebensräume ihrer freilebenden Verwandten.

Unter Berücksichtigung der beiden anderen Standbeine, aber auch der Geländestruktur, der Wegeführung sowie vorhandener Gehege und Haltungstraditionen haben wir drei Schwerpunktbereiche festgelegt :

  • Domestizierte Tierwelt und ihr Lebensbedürfnis

  • Erlebnisraum Bauernhof

  • Einheimische Tierwelt und ihr Lebensraum

  • Wald und Flur

  • Wasser und Sumpf

  • Gebirge

  • Fremdländische Tierwelt und ihre Lebensvoraussetzungen

  • Asiatischer Regenwald

  • Bambuswald

    Vor fünf Jahren stand das alles noch auf dem Papier, jeweils mit den Zusätzen „könnte" oder „sollte" versehen. Inzwischen ist schon eine ganze Menge zur Verwirklichung passiert. Dazu einige Bildbeispiele:

    Bauernhof, Bauerngarten,

    Kranich-/Rehgehege, Bergtiergehege, Ottergehege (Dabei sind die Tierpfleger-Infos für die Besucher von großer Wichtigkeit).

    Baubeginn Gehege für Kleine Pandas

    Natürlich ist auch in das dritte Standbein inzwischen Bewegung geraten. Sonst würde das ganze Konzept nur halb funktionieren.

    Der Naturschutz-Tierpark Görlitz wird als wichtiges "Medium zur Umwelt- bzw. Mitweltbildung" in der Region wirksam. Hierbei sind die vorhandenen lebenden Tiere von einmaliger Bedeutung, denn in keiner anderen Bildungseinrichtung kann man einen solch engen und direkten Kontakt zum Tier aufnehmen, wie er beispielsweise im Streichelgehege oder bei der Beobachtung vor einem Wildtiergehege möglich ist. Gerade beim Anfassen, aber auch bei der Pflege von (Haus)Tieren bieten sich über die "emotionale Schiene" beste Voraussetzungen für das Lernen eines verantwortungsvollen Umgangs mit dem Tier. Daneben wird die bisher übliche "Lese-Information" durch eine "Erlebnis-Information" ergänzt und abgelöst: Die meisten Besucher kommen zur Erholung und Entspannung in den Tierpark. Deshalb wird naturkundliche Bildung jetzt nicht mehr allein über Text-Schilder, Schautafeln oder ähnliches, sondern in Form von lehrreichen, anregenden und lustigen Spielen, Fühlkisten, Lehrpfaden oder in Sonderveranstaltungen vermittelt.

    Leider werden unsere Zooschul-Mitarbeiter (Frau Matthieu als fest angestellte und inzwischen 6 ABM-Mitarbeiter), noch ziemlich oft belächelt, wenn sie ein neues Wissensspiel im Tierpark installieren. Spätestens dann, wenn man sich selbst in den Bann dieser Spiele gezogen sieht, vergeht einem das Belächeln und man freut sich über den spielerisch (erlebnisreich) erzielten Erkenntnisgewinn. Genau das ist ja auch beabsichtigt. Wir wollen unseren Besuchern keine langweilige Leseinformation, sondern eine interessante Erlebnisinformation bieten, die jedem etwas über die Lebensweise von Tieren, Bedrohungsursachen oder Hilfsmöglichkeiten mitgibt. Das sieht in der Praxis beispielsweise so aus:

    Erlebnisbereich Storchenwiese - Seilspiel

    Erlebnisbereich Bergtiergehege - Geierspiel

    Erlebnispfad Buchenallee - Spechtzungen-Spiel

    Erlebnisbereich Ottergehege - Labyrinthspiel

    Dazu gehören jeweils Kinderhefte, die man an der Kasse erwerben kann.

    Die Finanzierung all der bisher genannten Dinge erfolgt über:

  • den eigenen Haushalt (z. B. Studie Königshainer Berge, Volieren für Wildtiere)

  • ABM-Mittel (Nisthilfen, Faltblätter)

  • Niederschlesische Sparkasse (Öffentlichkeitsarbeit, Kinderhefte ...)
    u.a. Firmen (Plakate für Naturschutz-Karte)

  • Sächsisches Staatsministerium für Umwelt- und Landesentwicklung
    (geplante Auffangstation)

  • Regierungspräsidium Dresden (Wildtierpflege)

    Neue Ideen kommen ständig dazu, z. B. die 1996 erstmals mit großer Resonanz durchgeführten „Otterferien". Hier konnten interessierte Kinder zunächst im Tierpark die Fischotter persönlich und hautnah erleben, sie füttern und beim Bau des Geheges helfen und sogar auf dem Heuboden schlafen und am Lagerfeuer den Fisch braten, den auch der Fischotter gerne frißt. Im Görlitzer Naturkundemuseum haben sie dann von einem der besten Otterkenner gelernt, was der Wassermarder noch so zu sich nimmt, oder wie ein überfahrener Otter präpariert wird. Schließlich ging´s mit dem Zelt in´s Biosphärenreservat - im wahrsten Sinne des Wortes auf die Spuren des Fischotters.

    Sie sehen, daß wir uns nicht nur darum bemühen, im Tierpark selbst , sondern auch in der Region eine Vernetzung herbeizuführen, die dem Naturschutzgedanken Auftrieb gibt.

    Daß dabei nicht alles so glatt läuft wie das erscheinen mag, brauche ich sicher nicht erst erwähnen. Daß wir aber ungeachtet vieler Unkenrufe an alledem viel Spaß haben und weiter intensiv an der Verwirklichung unseres Traumes vom Naturschutz-Tierpark arbeiten werden, konnte ich Ihnen hoffentlich heute zeigen.

    Wir selbst hoffen, damit wenigstens einen kleinen Beitrag dafür zu leisten, daß die echten Unken, die Rohrdommeln und die vielen anderen Tiere unserer Heimat noch möglichst lange in unseren schönen Teichen rufen.