Vortrag anläßlich der ZooKunft 1997 in Hannover

Thema: Elefanten im Stadtpark - Was soll das?

Mag auch das von mir gewählte Thema im ersten Moment nicht ganz so provokant erscheinen, wie das meines Vorredners, und mögen viele meiner Kolleginnen und Kollegen erwarten, daß ich hier ein Referat im klassischen Stil über die vier Säulen der Tiergärtnerei halten werde, so hat bei näherem Hindenken gerade die Frage nach dem Sinn eines Zoologischen Gartens heute mehr Bedeutung denn je. Wir Tiergärtner haben uns so sehr an unser Aufgabengebiet „Zoologischer Garten" gewöhnt, daß die Frage, „ Wie kann ich etwas möglich machen?", die Frage, „ Warum ich etwas möglich machen will oder soll", völlig zu verdrängen scheint.

DER SPIEGEL, meines Erachtens das größte deutsche Nachrichtenmagazin, hat ein Extraheft, ein SPIEGEL SPECIAL, dem Thema Menschen, Tiere, Emotionen gewidmet, und darin befindet sich unter der freundlichen Überschrift „Wo sich der Makake entmannt", ein offener Brief an Herrn Sielmann von Herrn Claus-Peter Lieckfeld. Sie können nun diesen Brief abtun, wie so viele andere Veröffentlichungen (nicht vielleicht zuletzt auch den in der Zeitschrift „Das Tier", wo ein Tiergärtner als Kronzeuge gegen die Haltung von Schimpansen in Zoologischen Gärten „angeführt" wird, zahlreiche Artikel in der ZEIT usw.) mit dem resignierten Hinweis, diese Leute verstehen es halt nicht besser. Wir sollten aber zur Kenntnis nehmen, daß die größten Teile unserer Bevölkerung es wirklich nicht besser verstehen und daß alle Versuche, sie zu belehren und zu bekehren, dann scheitern, wenn wir nicht bereit sind, wirklich mit ihnen zu kommunizieren. Wenn, wie in dem erstgenannten Artikel im SPIEGEL die Lebensräume der Manatis der Zoos von Arnheim und Nürnberg miteinander verglichen werden und der Autor zu der Einschätzung kommt, die Seekühe in Arnheim lebten im Hilton, in Nürnberg hingegen, ich zitiere: "liegen sie wie in Plastik verschweißte Weißwürste, fast auf Körperfühlung, in einem etwa 8 m breiten Bassin nebeneinander. Dort haben sie [Heinz Sielmann, d.Verf.] nicht gefilmt und gefüttert, was ich verstehe." So müssen wir endlich akzeptieren, daß eine noch so gut gemeinte tiergärtnerisch intakte und exakte Anlage beim Publikum auf Mißverständnis stößt. Nur dann, wenn ein Besucher bei Betrachtung eines Tieres in einem Gehegelebensraum selbst ein Wohlgefühl hat, wird er die Haltung dieser Tiere in eben dieser Anlage akzeptieren. Wir müssen lernen, daß der Besucher unsere Tiere ganzheitlich erfühlt, dazu müssen wir ihm stimmige Bilder anbieten. Immer dort, wo wir den Besucher allein lassen mit technischen Situationen, wird er sich stimmige, außerordentlich plausible Erklärungen für das, was er sieht, zurechtlegen, auch wenn diese nicht stimmen. Über die Art und Weise der Tieranlagengestaltung wird es aber ein gesondertes Referat von meinem Nachredner, Herrn Herwig, geben, der hierauf speziell eingehen wird.

Bei der Entwicklung des Konzeptes für den Zoologischen Garten Hannover haben wir uns die oben als Überschrift genannte Frage tatsächlich gestellt. Wir haben die Tatsachen betrachtet, daß zu einer Zeit der außerordentlichen Verknappung öffentlicher Mittel in der Stadt Hannover ein Betrieb besteht, der einen erheblichen Zuschußbedarf jedes Jahr erwirtschaftet. Dieser Betrieb weist zudem einen erheblichen Sanierungsbedarf auf, und er blockiert ein außerordentlich großes Gelände mitten im Herzen der Landeshauptstadt. Die Besucherzahlen waren zu diesem Zeitpunkt stark rückläufig, die öffentliche Kritik an der Tierhaltung im Zoo Hannover war „Gottseidank" bedeutungslos. Hier mußte ganz einfach die Frage erlaubt sein, „warum", „ob überhaupt" und „wenn, ob an dieser Stelle" ein Zoologischer Garten betrieben werden muß. Unter diesem Gesichtspunkt möchte ich die vier Säulen der Tiergärtnerei Erholung - Bildung - Forschung - Artenschutz noch einmal betrachten.

Der Zoologische Garten und Artenschutz

Beginnen wir von hinten mit dem Artenschutz. Unbestritten ist der Artenschutz eine wichtige Aufgabe der Zoos, unbestritten leisten Zoos erfolgreiche Arbeit im Artenschutz. Der Zoo Hannover beteiligt sich an zwei großen Artenschutzprojekten direkt - am Drill und an den Addax-Antilopen. Hierfür hat er in den letzten Jahren mehrere 10.000 DM aus eigenen Mitteln aufgewendet. Ich hatte letztes Jahr Gelegenheit, über den Stand des überaus erfolgreich verlaufenen Addax-Projektes hier vor diesem Plenum zu berichten, möchte also auf diesen Aspekt des Artenschutzes nicht eingehen. Möchte jedoch die Frage stellen, ob es wirklich primäre Aufgabe Zoologischer Gärten sein kann, Tierarten durch ex situ - Zucht vor der Ausrottung zu bewahren. Wohl gemerkt, ich möchte nicht in Frage stellen, daß der Zoologische Garten durch direkte Nachzucht und ex situ-Haltung einen wesentlichen Beitrag zu diesem Kapitel leisten kann. Ich möchte nur die Frage stellen, ob ein Zoologischer Garten klassischer Prägung dieses als primäre Aufgabe hat? Könnte ich nicht nach Verkauf des Geländes des Zoo in einem regional wirtschaftlich schwächer entwickelten Raum, wie es beispielsweise Lüchow-Dannenberg hier in Niedersachsen oder die Lüneburger Heide darstellt, eine große Fläche erwerben, in der ich, wenn wir es nur wollten, weitaus bessere Bedingungen schaffen könnte, um dort Tiere ohne die „Störung" durch Besucher für die freie Wildbahn nachzuzüchten. Oder könnte ich, um noch konsequenter zu sein, nicht vielleicht goße Flächen, in den entsprechenden Lebensräumen der Tiere erwerben für dieses Geld, um vor Ort in den angestammten Lebensräumen Nachzucht zu treiben? Wenn dieses als gesellschaftliche Aufgabe in der Bundesrepublik Deutschland anerkannt wäre, so müßte es ja möglich sein, diese Gelder, die bisher in den Zoo als Zuschußgelder geflossen sind, für solche Projekte zu nutzen. - Warum ist das nicht so?

Eine zweite Frage drängt sich auf: Heute sind der zoologischen Forschung allein mehr als 800.000 Käferarten bekannt. Wir alle wissen, daß die im Zoo lebenden Tierarten nur einen verschwindend geringen Bruchteil der auf der Erde vorhandenen Fauna darstellt. Wir alle wissen, um das rapide voranschreitende Artensterben, das je nach Region Flaggschiffarten wie Sibirische Tiger oder Gorillas befällt, oder aber wie in Norddeutschland extrem unscheinbare Lebewesen, wie Süßwassermuscheln, Schnecken etc. Wir alle wissen, daß die Haltung einer Eintagsfliege in einem ex situ-System zur Erhaltung dieser Art für uns heute kaum möglich sein wird und daß wir für solche Projekte keinerlei Mittel erhalten werden. Ich möchte ein Beispiel anwenden von einer vom Aussterben unmittelbar bedrohten Helix-Art, die auf Korsika lebt. Diese Schneckenart, die übrigens prekärerweise absolut nachtaktiv ist, ist vor kurzem wiedergefunden worden durch einen mir bekannten Malakologen. Er hat sie mühsam zu Hause in einem Terrarium vermehrt und fragte mich nun als Tiergärtner zum Thema Artenschutz, ob wir nicht bereit seien, diese Helix im Zoo zu halten und zu vermehren. Sie bedarf der zweitäglichen Fütterung einer bestimmten auf Platanen in Südfrankreich wachsenden Flechte. Die Jungtiere müssen alle zwei Tage umgesetzt, das Terrarium komplett gereinigt werden, die Tiere sind nur bei absoluter Dunkelheit aktiv. Ich frage ernsthaft bei diesem Sachverhalt, ob jemand bereit ist, dieses Tier in seinem Zoologischen Garten vor der Ausrottung zu bewahren.

Die direkte Erhaltung von Tierarten vor der Ausrottung durch Nachzucht ist nicht in Frage zu stellen. Niemand wird daran zweifeln, daß wir das bißchen, was wir tun können, tun müssen, und daß wir alles daransetzen sollten, mit diesen Projekten Erfolg zu haben. Primäre Intention eines Zoologischen Gartens klassischer Prägung kann dieses nicht sein.

Der Zoologische Garten und Forschung

Ich denke, ein Zoo kann, wenn er das Thema Forschung ernstnimmt, sicherlich Beiträge zum Wissensbereich Zoologie liefern. Es schiene mir aber angebrachter, Zoologische Gärten als Lernoption ähnlich einer gutgeführten wissenschaftlichen Bibliothek für die Hochschulinstitute anzusehen.

Zwar laufen auch im Zoo Hannover zahlreiche, ca. 20 Forschungsprojekte als Diplom-, Examens- oder Doktorarbeiten, jedoch ist durch sie kaum die hohe Zahl der durch die Tierhaltung verursachten Kosten zu rechtfertigen.

Ich möchte dieses Kapitel mit einem kleinen Hinweis auf die finanzielle Situation an unseren deutschen Hochschulen beschließen. Alle oder fast alle mir bekannten Ausbaumaßnahmen von Lehrstühlen und Forschungsgebieten im Hochschulbereich beziehen sich auf angewandte Wissenschaftsbereiche. Mir sind im Moment keine Projekte bekannt, in denen klassische zoologische Themen, wie Anatomie, Physiologie, Ethologie oder auch Ökologie als Lehrstuhl in erheblichem Umfang ausgebaut worden wären. Es würde mich wundern, wenn es einen Stadtkämmerer oder vergleichbaren Amtsinhaber in Deutschland gäbe, der bereit wäre , aus seinem Stadtsäckel zoologische oder ethologische Forschung zu finanzieren. Das Mißverständnis, daß ein Tiergärtner ein Wissenschaftler sei, halte ich für verhängnisvoll.

Der Zoo als Erholungsraum

Betrachten wir die hohe Zahl an Besuchern, die uns nach wie vor jährlich aufsuchen, und betrachten wir die Intention dieser Besucher näher, so müssen wir akzeptieren, daß die meisten dieser Besucher nicht aus Lernwillen kommen, sondern sich zerstreuen möchten.

In einer Zeit des Verkehrskollapses scheint es mir sehr wünschenswert, eine Freizeiteinrichtung mit 600.000 oder wie man will 800.000 Besuchern jährlich in unmittelbarer „fußläufiger" Entfernung zum Stadtgebiet zu haben. Menschen, die den Zoo aufsuchen, müssen also nicht stundenlang auf bundesdeutschen Autobahnen die Umwelt verlärmen oder verpesten, und sie können, auch ein wesentlicher Aspekt des Zoologischen Gartens, ihre Freitzeit verbringen, kommunikativ mit der gesamten Familie über alle Altersgrenzen hinweg von der Oma bis zum Kleinkind. Wer die Menschen im Zoo beobachtet, wird feststellen, daß oft die ganze Familie kommunizierend im Zoo unterwegs ist.

Wenn wir weiterhin betrachten, daß wir die meisten Besucher eben an den Tagen haben, an denen das Wetter zum Spazierengehen nach draußen lockt, beispielsweise an den Frühlingssonntagen oder an Tagen mit etwas unsicherem Wetter im Sommer, so können wir eine unmittelbare Abhängigkeit des Zoos vom „Spazierengehwetter„ postulieren.

Der Zoo bildet also, positiv gesprochen, eine Freizeitstätte, in der Menschen auf außerordentlich umweltverträglichem Niveau ihre Freizeit bei hoher sozialer Aktivität verbringen. Somit sind zwei wesentliche Fragen nach dem Ort, also möglichst agglomerationsnah, und nach einer Aufgabe, nämlich umweltverträglicher Freizeitgestaltung beantwortet.

Betrachten wir nun die Säule vier - Zoo als Bildungseinrichtung.

Ein Zoo hat je nach Größe zwischen wenigen hundertausend oder wenigen Millionen Besucher im Jahr. Die Menschen kommen, wie eben festgestellt, in den Zoo, nicht um sich zu bilden, sondern um sich zu zerstreuen. Viele Menschen kommen nicht, weil sie schon zoologisch vorgebildet sind oder aus innerer Unruhe, weil sie ihren Bildungshunger zu Hause nicht mehr bezähmen konnten. Sie gehen in den Zoo, wie ich mit meiner Familie in ein Museum gehe. Sie möchten etwas gemeinsam mit ihrer Familie unternehmen. Sie möchten etwas Positives mitnehmen und sie möchten, wenn das Wetter es irgend zuläßt, draußen sein. Alles dieses sind menschlich gesehen absolut wünschenswerte Anliegen. Eine Einrichtung, die Menschen dieses in ihrer Freizeit möglich macht, tut an sich schon etwas Positives. Die ketzerische Frage, die ich stellen muß, ist: Sind zu diesem Zweck Tiere notwendig? Gibt es doch eine große Zahl an Freizeiteinrichtungen, in denen die Menschen sich bestens amüsieren, bestens unterhalten werden etc., ohne daß dort ein einziges Tier vom Konzept her vorgesehen ist.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs. Immer wieder werden wir von Fernsehanstalten aufgefordert, zu sogenannten Tierschutzdiskussionen als Gesprächspartner bereit zu sein. Dazu wird in der Regel gewünscht, daß das Gespräch stattfindet vor einem Gehege, in dem Tiere zu sehen sind. Warum eigentlich? Wir haben uns in Hannover angewöhnt, solchen Anliegen nicht mehr entgegenzukommen. Selbstverständlich stehen wir zu jeder Diskussion bereit, aber nicht in Betrachtung von Tieren. In der Regel sehen die Sendeanstalten von ihrem Anliegen ab, sind doch sich streitende mehr oder weniger hübsche Menschen für das Fernsehpublikum ohne die lebendigen Tiere im Hintergrund nicht attraktiv genug.

Ein zweiter Exkurs: Als Funktionär des Naturschutzbundes Deutschland war ich über zwei Jahre für die Naturschutzbildung dieses Verbandes verantwortlich tätig. Betrachte ich das Publikum aller durchgeführten Veranstaltungen, so fällt auf, daß in der Regel fast ausschließlich Natur- oder Naturschutzbegeisterte an angebotenen Veranstaltungen teilnahmen. Es war wie bei der Predigt in der Kirche. Die Predigt des Pastors hören nur die, die ihrer eigentlich nicht bedürfen. Dieses war für mich ein wesentlicher Grund, um das Arbeitsgebiet Zoologischer Garten aufzusuchen. Denn hier kommen pro Jahr einige hunderttausend Menschen, um ihre Freizeit zu verbringen, und ich kann die Zeit ihres Aufenthaltes im Zoo von 1 ½ Stunden bis zu 4 Stunden nutzen, um sie an das Thema Tier heranzuführen. Und wie könnte dieses besser gelingen als im unmittelbaren Erleben des Tieres selbst.

Die Kernaufgabe Zoologischer Gärten möchte ich versuchen mit einem einzigen Satz zu umreißen. Kernaufgabe Zoologischer Gärten ist es, Menschen für Tiere zu begeistern.

Damit knüpfe ich an an den Beginn meines Referates über das klassische Mißverständnis des Tiergärtners bei Betrachtung des Besuchers, oder das Mißverständnis des Laien bei Betrachtung der Tierhaltung. Es kann nicht Aufgabe eines Besuchers sein, sich solange zu bilden, bis er die Veranstaltung „Zoologischer Garten" versteht, denn dieses dauert mehrere Semester und einige Praktiumsjahre im Zoo und zum Schluß hätten wir als Ergebnis 800.000 arbeitslose Tiergärtner pro Jahr. Es kann also nur die Aufgabe des Tiergärtners sein, seinen Zoo so zu gestalten, daß ein Besucher ganz gleich welche Vorstellung er mitbringt, in der Lage ist, ohne weitere fremde Hilfe einen Schritt näher auf das Tier zuzugehen.

Wenn es den Zoologischen Gärten zukünftig wieder besser gelingt, Menschen für Tiere zu begeistern, so werden auch die Säulen Artenschutz und Forschung sicher wieder besser und fester tragen. Denn, nur was Menschen kennen, werden sie lieben und nur was Menschen lieben, werden sie schützen.

Dr. Heiner Engel

Zoo Hannover GmbH

Adenauerallee 3

30175 Hannover