Die "Ex-Situ-Situation" der Orang-Utan-Population

in europäischen Zoos

Dr. Clemens Becker, Zuchtbuchführer und EEP-Koordinator, Zoo Karlsruhe

1. Entstehung der Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEPs)

In den vergangenen 10 - 15 Jahren begann in den europäischen Zoos eine Entwicklung der engen und intensiven Kooperation und Koordination. Waren auch zuvor schon das Führen internationaler Zuchtbücher und Absprachen zur Zucht bestimmter Tierarten unter einigen Zoos durchaus üblich, wurden 1985 die ersten Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEPs) begründet.

Zunächst waren es 17 EEPs, z.B. für den Kleinen Panda, den Europäischen Fischotter und den Kongopfau. Heute, d.h. innerhalb von nur 12 Jahren, enstanden 123 EEPs (Abb. 1):

- zur Anwendung von Zuchtrichtlinien für bedrohte Tierarten in Zoos

- zur Berücksichtigung der Besonderheiten einer spezifischen Zoo-

Population

- letzlich zur Erhaltung lebensfähiger, gesunder Wildtierpopulationen in

Menschenhand, in Zoologischen Gärten über viele Generationen.

Für weitere 44 Arten werden europäische Zuchtbücher (ESBs) geführt. Darüber hinaus existieren bereits 25 Taxon Advisory Groups (TAGs), d.h. Beratungsgruppen, die das Schicksal übergeordneter Taxons - von ganzen Gattungen, Familien oder Ordnungen - beraten, z.B. die TAG-Gruppe für Pinguine, Raubkatzen oder Antilopen. In 36 europäischen und 13 nicht- europäischen Ländern beteiligen sich 400 Mitglieder an EEPs.

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2. Das EEP Orang-Utan

Für die Menschenaffenart "Orang-Utan" hat der Verfasser bereits ab 1982 ein regionales Zuchtbuch ins Leben gerufen, das während der Promotions- Studien zum Thema "Spielverhalten bei Menschenaffen" in vielen Zoos entstand. Dieses Zuchtbuch erfaßte die Orang-Utans in zunächst 32 Zoos in sechs Ländern Mitteleuropas. Viele Mißverständnisse und Wiederstände mußten damals ausgeräumt werden; groß waren die Vorbehalte der "Einmischung in die inneren Angelegenheiten von einzelnen Zoos".

Mit dem Beginn der EEPs wurden 1985 zunächst die Arten "Gorilla" und "Bonobo" in EEPs koordiniert. Der "Orang-Utan" wurde - da in zwei Unterarten und als Hybriden in Zoos präsent - anfangs ausgeklammert. Schon drei Jahre später wurde beschlossen, das regionale Zuchtbuch für Mitteleuropa auf Kontinentaleuropa auszuweiten, d.h. von Portugal bis Rußland und von Italien bis Schweden. Die Zoologischen Gärten aus Großbritannien führten damals noch eigene, britische Zuchtprogramme.

1989 beschlossen die europäischen Mitglieder des internationalen Zoodirektoren-Verbandes das EEP für die Art "Orang-Utan", die in 55 Zoos des europäischen Festlandes gehalten wurde. Das EEP koordiniert der Zoologische Garten Karlsruhe. 1992 traten alle Orang-Utan-Haltungen von Großbritannien und Irland dem nunmehr gesamteuropäischen EEP bei.

Die EEP-Artkommission besteht neben dem Koordinator aus 13 Mitgliedern, d.h. Zoologen und Veterinärmedizinern der europäischen - 3 -

Orang-Utan-Haltungen, und einem britischen "Vize-Koordinator". Diese demokratisch gewählte Kommission berät in regelmäßigen Workshops, die während der EEP-Jahrestagungen in wechselnden Ländern Europas stattfinden, unter Berücksichtigung genetischer und demographischer Gesichtspunkte über die Bestandsentwicklung und Erhaltungszucht der Orang-Utans.

3. Überblick über Tiere und Organisation des EEP

66 Zoologische Gärten halten insgesamt 309 Orang-Utans. Davon sind (Abb. 2) ca. 45% von der Borneo- und ca. 41% von der Sumatra-Unterart; noch ca. 14% der Tiere sind Hybriden, die nicht mehr zur Zucht zugelassen sind. Über 80% der Tiere dieser europäischen Zoo-Population wurden bereits in Zoos geboren (Abb. 3); die noch lebenden 61 Wildfänge sind meist weit über 20 Jahre alt und stehen nur noch begrenzte Zeit als Gründertiere der Zoopopulation zur Verfügung.

Stellen man für den Zeitraum nach dem 2. Wektkrieg, bzw. in den letzten 20 Jahren die Zugänge der europäischen Zoo-Population den Abgängen gegenüber, so ergibt sich folgendes Bild:

Nach 1946 waren in Europa über 500 Geburten zu verzeichnen. Davon

entfallen über die Hälfte, d.h. ca. 55 % auf deutsche Zoos, in denen schon immer die Mehrzahl dieser Tiere gehalten wurde. Heute werden 70 - 80% der geborenen Tiere von ihren Müttern aufgezogen.

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Im Zeitraum der letzten 20 Jahre wurden in Europa 309 Borneo- und Sumatra-Orang-Utans geboren. Im gleichen Zeitraum starben aber nur 225 Tiere dieser beiden Unterarten (Abb. 4). Die Hybriden wurden nicht gerechnet. Dies deutet auf eine gute und positive Bilanz hin, die gleichzeitig für ein kontinuierliches Anwachsen des Zoo-Bestandes steht. Waren Importe aus der freien Wildbahn in früheren Jahrzehnten noch an der Tagesordnung, spielen diese heute keine Rolle mehr. In den zurückliegenden 20 Jahren wurden nur noch 16 Tiere importiert. Die Zoologischen Gärten verpflichteten sich dahingehend, auf den Import dieser bedrohten Menschenaffenart ganz zu verzichten; die letzten fünf eingeführten Borneo-Orang-Utans wurden Ende der 80er Jahre illegal über Tierhändler nach Europa gebracht und wurden beschlagnahmt.

4. Die Situation der zwei Unterarten und der Hybriden

Im Folgenden wird ein Überblick über die Situation der zwei Unterarten und der Hybriden in diesem EEP geben (die Daten beziehen sich auf den Stichtag 31.12.95, da zum Zeitpunkt der Drucklegung noch nicht alle Informationen für 1996 beim Koordinator eingegangen waren).

a. Borneo Orang-Utans:

In Europa halten 35 Zoos 138 Borneo-Orang-Utans, 54 männliche und 84 weibliche Tiere. Alle europäischen Institutionen, die diese Unterart halten, sind EEP-Teilnehmer. Abb. 5 (oben die männlichen, unten die weiblichen Tiere) zeigt die Altersverteilung dieser Borneo-Population in Alters-

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klassen. Die Tiere, die bereits in Zoos geboren wurden, sind "grau" dargestellt, die Tiere aus der freien Wildbahn "schwarz".

Das Alter der 38 wildgeborenen Tiere - 14 männliche und 24 weibliche - variiert zwischen 8 und 41 Jahren. Davon sind nur sieben Tiere jünger als

20 Jahre, und 31 sind älter. Dagegen sind die 100 zoogeborenen Tiere (40,60) bis zu 35 Jahre alt.

In den letzten 20 Jahren wurden 164 Borneo-Orang-Utans geboren, d.h. jährlich kommen etwa 6 - 10 Tiere zur Welt. 1995 wurden 12 Tiere geboren. Im gleichen Zeitraum starben 119 Tiere dieser Unterart, das älteste mit 41 Jahren. Nur 13 Tiere wurden in den vergangenen 20 Jahren importiert (Abb. 6).

b. Sumatra-Orang-Utans:

Zur Situation bei den Sumatra-Orang-Utans: Insgesamt werden im EEP- Bereich von 32 Zoos 126 Tiere, 48 männliche und 78 weibliche, gehalten.

Nur eine Einrichtung - der Privatzoo des Prinzen von Monaco mit einem alten, weiblichen Tier - ist kein EEP-Mitglied. Abbildung 7 mit der Altersverteilung der Tiere verdeutlicht die Situation, daß nur noch 21 Tiere, das sind nur 17% der Sumatraner, aus der freien Wildbahn stammen. Diese haben ausnahmslos bereits ein hohes Alter (zwischen 28 und 44 Jahren) und stehen aus diesem Grund nur noch wenige Jahre als Gründertiere dieser Unterart zur Verfügung. Die 105 zoogeborenen Tiere (38,67) sind bis zu 29 Jahre alt. Leider existiert derzeit ein "Engpaß" bei

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den geschlechtsreifen Jungmännern. Im EEP sind in den Altersstufen 7 bis 22 nur 12 Männer vertreten; jedoch wachsen eine ganze Reihe von Jungtieren nach, die demnächst geschlechtsreif werden.

In den letzten 20 Jahren wurden 145 Sumatra-Orang-Utans geboren; es kommen durchschnittlich pro Jahr etwa 4 - 8 Tiere zur Welt. 1995 waren es sechs Tiere. Im gleichen Zeitraum starben 106 Tiere dieser Unterart - eine ganze Reihe in hohem Alter. Fünf Tiere wurden über 40 Jahre alt, ein Tier sogar 52 Jahre - der Altersrekord im europäischen Bereich! Nur drei Tiere wurden in den letzten 20 Jahren importiert - diese Ende der 70er Jahre (Abb 8).

c. Hybriden:

Insgesamt halten noch 20 EEP-Teilnehmer 42 Hybriden, die bis zu 34 Jahre alt sind. Seit wenigen Jahren werden im EEP-Bereich keine Hybriden mehr geboren als Folge einer konsequenten "EEP-Politik", in ferner Zukunft nur noch "unterartreine" Orang-Utans zu halten, für die jeder zur Verfügung stehende Platz in Zoos benötigt wird. Die Hybriden leben zum Teil gleichgeschlechtlich zusammen, sind sterilisiert oder werden mit hormonellen Methoden von der Zucht ausgeschlossen. So erfüllen sie in einigen Zoos noch wertvolle soziale Funktionen im Gruppenleben. Die Altersverteilung der Hybrid-Tiere im EEP wird in Abb. 9 dargestellt.

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5. "Politik" und Zielsetzungen im EEP Orang-Utan

Unter Berücksichtigung aller persönlichen Wünsche und Meinungen der Orang-Utan-Halter in Europa berät die Artkommission über die "Politik" im EEP Orang-Utan. Sie diskutiert und entwickelt Zuchtstrategien, unterbreitet Vorschläge zum Austausch von Tieren, der hauptsächlich im EEP-Bereich stattfinden sollte.

a. Generell ist der Koordinator vor einer gewünschten oder geplanten Abgabe von Tieren zu konsultieren.

b. Insgesamt werden in europäischen Zoos knapp über 300 Orang-Utans gehalten, das sind im Durchschnitt 4 bis 5 Tiere pro Haltung. Langfristig ist es das Ziel des EEPs, 15 bis 20 neue Halter zu gewinnen. Diese könnten dann - nach endgültigem und natürlichem Ausscheiden der Hybriden - etwa 400 Tiere der zwei Unterarten in 80 Haltungen aufnehmen. Dies bedeutet für das langfristige Management die Errichtung von zwei getrennten Populationen für 200 Borneo- und 200 Sumatra-Orang-Utans.

c. Wie schon erwähnt, besteht die Gesamtpopulation derzeit noch aus 14% Hybriden, d.h. Kreuzungen der beiden Unterarten oder bereits Nachkommen von Hybriden. Sie blockieren wertvolle Zooplätze, die für unterartreine Tiere benötigt werden. Es ist aber von großer Wichtigkeit für das künftige Zuchtmanagement, langfristig sich selbst erhaltende, getrennte Populationen von Borneo- und Sumatra-Orang-Utans zu etablieren, damit die genetische Variabilität über viele Generationen unter

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Berücksichtigung ethologischer Aspekte erhalten werden kann. Seit Jahren bedeutet dies für Halter von Hybriden, auf die Zucht von und mit Hybriden zu verzichten. Methoden, um dieses Ziel zu erreichen, sind Kastration oder Sterilisation (zwingend vorgeschrieben vor Tiertransporten) oder die Anwendung kontrazeptiver Maßnahmen, wenn Hybriden in gemischten Gruppen leben.

d. Alle Tiere der noch lebenden Gründerpopulation, d.h. die Wildfänge, aber spätestens die Tiere der 1. Zoogeneration müssen mit Chromosomenanalysen auf ihre exakte Unterart getestet werden. Derzeitige Testmethoden gestatten solche Aussagen nicht in der 2. und in den folgenden Zoogenerationen. Im Auftrag des EEP Orang-Utan untersucht das Zoologische Institut der Universität Heidelberg genetische Allele der Blutproteine, um weitere Unterscheidungskriterien für Unterarten und Kreuzungen zu entdecken.

e. Der Austausch von Tieren und die Zusammensetzung neuer Paare erfolgt seit einigen Jahren unter Heranziehung genetischer Gesichtspunkte. Einerseits soll Inzucht ausgeschlossen werden, andererseits soll die genetische Vielfalt auch nach vielen Zoogenerationen erhalten bleiben. Hierzu ist es nötig, daß sich möglichst alle verfügbaren Tiere möglichst gleichmäßig durch Zucht an der Gründerpopulation beteiligen.

Es werden also alle Anstrengungen unternommen, nicht-züchtende Tiere zur Zucht zu bringen. Alten Tieren sollen aber streßauslösende Transporte erspart bleiben. Überrepräsentierte Tiere, d.h. Tiere mit guter Zucht und mit - 9 -

vielen Nachkommen in der Population, unterliegen noch keinen Zuchtbeschränkungen. Es ist davon auszugehen, daß sie in der Zucht eingeschränkt, bzw. von der Zucht ausgeschlossen werden müssen, wenn die Unterbringungsprobleme in geeigneten Zoo-Haltungen größer werden.

Schlußbemerkung:

Im EEP-Bereich haben sich bisher 217 Gründertiere der beiden Unterarten erfolgreich fortgepflanzt, d.h. 217 Orang-Utans aus der freien Wildbahn, aber auch aus Zoologischen Gärten anderer Kontinente, die in den EEP- Bereich kamen. Es leben nur 12 "Pseudo-Founder", d.h. mögliche Gründertiere, die sich noch nicht fortgepflanzt haben; unter ihnen sind sechs Tiere altersbedingt nicht mehr zur Zucht geeignet.

Die Orang-Utan-Population in europäischen Zoos kann in beiden Unterarten (Borneo- und Sumatra-Orang-Utans) als gesund betrachtet werden - sowohl hinsichtlich der genetischen Vielfalt als auch hinsichtlich der Altersstruktur der Tiere. Koordinator und Artkommission gehen deshalb davon aus, daß ihr Fortbestand in Menschenhand - in Zoologischen Gärten - über viele Generationen als gesichert gelten kann.